Wien. Gottfried Gusenbauer nimmt sich kein Blatt vor den Mund: "Es ist eine Katastrophe." Der Direktor des Karikaturmuseums in Krems ist berufsbedingt ein aufmerksamer Beobachter der weltweiten Karikaturszene. Und was er immer öfter sieht, macht ihm Sorgen: Denn für die Zeitungen wird es immer schwieriger, Karikaturen zu drucken. Und für Karikaturisten wird es immer schwieriger, ihre Werke unterzubringen. Auch eigentlich harmlose Zeichnungen geraten immer öfter ins Visier der "Political Correctness" (PC). Einer falsch verstandenen "Correctness". Oder, wie Gusenbauer mitunter der Verdacht beschleicht: "Einer bewusst falsch verstandenen."

Erst diese Woche gab die "New York Times" bekannt, künftig gar keine politischen Karikaturen mehr in ihrer internationalen Ausgabe abzudrucken. Aus der US-Ausgabe sind sie schon länger verschwunden. Ab Juli ist auch international Schluss. Erst im April hatte sich die "New York Times" für eine Karikatur entschuldigt. Die Zeichnung zeigte Benjamin Netanjahu als Blindenhund mit Davidstern am Halsband, der einen blinden Trump mit Kippa führt. Das wurde als antisemitisch und beleidigend kritisiert. Unter anderem ausgerechnet von US-Präsident Donald Trump, sonst in puncto Beleidigungen ja nicht gerade zimperlich. Auch eine Karikatur von US-Tennisspielerin Serena Williams hat zuletzt einen Shitstorm gegen die Zeitung "The Herald Sun" ausgelöst. Doch die Zeitung gab nicht nach und druckte sie nochmals - auf der Titelseite unter dem Titel "Welcome to PC World". Die Zeichnung von Mark Knight wurde in den sozialen Medien heftig als "sexistisch und rassistisch" kritisiert, unter anderem, weil Williams mit einem großen Hintern, wulstigen Lippen und krausen, vom Kopf abstehenden Haaren dargestellt wurde, daneben lag auf dem Boden ein Babyschnuller.

Eine Frage der Haltung

Dabei sei das Grundproblem der Sache eigentlich ein Missverständnis, meint Gusenbauer. Karikatur müsse schon systembedingt mit Übertreibungen und Klischees arbeiten. Das sei sozusagen ihr Wesen, ihre DNA. Wichtig dabei sei aber die Haltung des Zeichners. Die Intention müsse bei der Bewertung eine Rolle spielen, sagt Gusenbauer. Es sei eben nicht dasselbe, ob man eine Person satirisch darstelle oder mit dem Ziel, Hetze oder Diskriminierung zu betreiben. Immer öfter komme es vor, dass eigentlich die Meinung des Karikaturisten das Ziel sei. "Man sucht sich dann einen Hebel, um angreifen zu können." So würden dann etwa beleidigte religiöse Gefühle oder Sexismus herangezogen. In Wahrheit gehe es aber gar nicht darum, sondern die Meinungsäußerung des Karikaturisten generell zu unterbinden. "Das ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit", sagt Gusenbauer. Es gehe nicht an, dass Meinungsfreiheit stets als hohes Gut geschützt werde, ausgerechnet bei der Karikatur - auch eine Meinungsäußerung, wenn auch gezeichnet - aber strengere Maßstäbe angelegt würden.