Dabei werden in viele Redaktionen Karikaturen oft schon peinlich genau auf eventuelles Shitstorm-Potenzial geprüft. Karikaturist Wolfgang Ammer (der die Karikatur zu diesem Text beisteuerte und dessen Karikaturen dutzendfach auch in der "New York Times" erschienen) kann davon ein Lied singen. "Unlängst kam eine Nachricht einer Redaktion, sie könne meine Karikatur nicht bringen, weil sie frauenfeindlich gelesen werden könnte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt drei Karikaturen geliefert und mir war völlig schleierhaft, um welche es sich handeln könnte. Später stellte sich heraus, dass eine der Karikaturen abgelehnt wurde, weil ich eine Frau mit hängendem Busen gezeichnet hatte."

Tatsächlich löst der zunehmend kritische Umgang mit Karikaturen eine Feedback-Schleife aus: Karikaturisten zeichnen nur mehr, was Redaktionen drucken können. Und Redaktionen setzen dabei, um einen Shitstorm um jeden Preis zu vermeiden, den Maßstab der erregungsbereitesten Leser an. Somit setzen sich nur mehr die plattesten, geistlosesten und flachsten Zeichnungen durch. "Da ist in Wahrheit ein schleichendes Abwürgen einer ganzen Kunstgattung im Gange", ist Ammer überzeugt.

Unlängst hatte eine politische Karikatur sogar einen diplomatischen Konflikt ausgelöst. Eine Zeichnung über Ministerpräsident Viktor Orban in einer slowenischen Zeitung führte zu einer geharnischten "Verbalnote" der ungarische Botschaft in Ljubljana. Das Cover mit der Zeichnung sei "politisch unverantwortlich". Die Karikatur zeigte Orban mit zum faschistischen Gruß erhobenem Arm. Der Karikaturist reagierte mit einem satirischen "Entschuldigungsbrief". "Ich habe meinen Irrtum erkannt", betonte der Zeichner. Er zeichnete auch eine "korrigierte" Karikatur, in der Orban einen Ölzweig in der Hand hält; in Hintergrund befindet sich eine Regenbogenfahne. In dem Brief flehte Lavric die ungarische Botschafterin an, weiterhin "wohlwollend mit Ratschlägen und gut gemeinter Kritik" zu helfen. "Damit auch wir den vorbildlichen Zustand von Objektivität und Einstimmigkeit erreichen, den ihr in ungarischen Medien hergestellt habt."

Weniger Rückhalt hatte im Juni des Vorjahres der Zeichner Dieter Hanitzsch von der "Süddeutschen Zeitung". Die Zusammenarbeit wurde nach einer Zeichnung mit antisemitisch interpretierbarem Inhalt aufgelöst. Die Karikatur zeigte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Eurovision-Song-Contest-Siegerin Netta. In der Hand hält der mit weit abstehenden Ohren gezeichnete Netanjahu eine Rakete mit einem Davidstern, außerdem ist im Schriftzug "Eurovision Song Contest" das "v" durch einen Davidstern ersetzt. Der Deutsche Presserat stellte Monate später keinen Verstoß des Zeichners gegen den Pressekodex fest. Die Gesichtszüge seien zwar überzeichnet, im Rahmen der Meinungsfreiheit sei dies aber zulässig, urteilte der Presserat.

"Ich habe ganz generell das Gefühl, dass ,Political Correctness‘, so wichtig sie ist, mitunter vorgeschoben wird, um kritische Stimmen mundtot zu machen", sagt Gusenbauer. So wären schon einige Zeichner zuletzt zum Aufhören gezwungen gewesen: "Das ist im Sinne der Meinungsfreiheit ein Problem."