WWW. Vor dem Stephansdom erscheint Voldemort und sorgt für Aufsehen und wilde Zaubergefechte. Im Stadtpark versammeln sich Gruppen von angehenden Magiern jedes Alters und versuchen gemeinsam eine Festung zu erobern und die Todesser unter Kontrolle zu bekommen. In den öffentlichen Verkehrsmitteln schwingen Menschen ihre Mobiltelefone in der Gegend auf der Suche nach magischen Spuren herum. Klingt seltsam, ist aber so. Denn nun hat der nächste Hype der Augmented-Reality-Spiele (also jener Programme, die die eigentliche Realität mit Videos, Bildern oder Text überlagern und dazu Kamera, Kompass und Bewegungssensoren moderner Smartphones nutzen) Einzug gehalten. Nach "Pokemon Go" und "Jurassic World Alive" ist nun mit "Wizards Unite" ein Harry-Potter-Titel erschienen.

Für Spieler ist die "erweiterte Realität" damit tatsächlich nun in der breiten Mitte angekommen, an ernsthaften Anwendungen fehlt es in diesem Bereich aber immer noch. Am Anfang stand Wikitude. Dieses Programm ermöglichte in Verbindung mit den ersten Smartphones mit Kamera, Kompass und entsprechender Leistungsfähigkeit der schnöden Realität einen erweiterten, digitalen Sinn zu geben. Wikitude war die erste große Augmented-Reality-App der noch jungen Mobilfunkgeschichte. Anwender konnten ihre Kamera auf Sehenswürdigkeiten ausrichten und erhielten dann auf ihrem Handydisplay zusätzliche Informationen zu den Bauwerken. Man konnte sein Mobiltelefon auch auf eine Skyline oder ein Bergpanorama ausrichten und erhielt die Namen der Gebäude oder der Berggipfel angezeigt. Die schnöde langweilige Realität erhielt eine spannende, immer aktuelle, digitale Komponente dazu und schon war der nächste große Hype geboren. Doch wie so oft mit großen Trends, so auch mit diesem - er starb in Schönheit.

Hype, Hoffnung und Nische

Das Thema blieb danach eine große Zukunftshoffnung, doch mehr als große Pläne und stete Erwähnungen in Analystenreports gab es nicht. Ein Grund mag in diesem Fall, so sehen es zumindest einige Analysten, das geringe Interesse der Pornoindustrie an den Möglichkeiten gewesen sein, auch wenn es durchaus interessante Optionen in diesem Bereich gegeben hätte. Ganz im Gegensatz zu Anwendungen im Bereich der virtuellen Realität oder 360-Grad-Tools, die es sehr wohl in die Erwachsenenunterhaltung schafften. Und so ging die Entwicklung schleppend und langsam voran, bis man schon vom Ende der erweiterten Realität sprechen wollte. Doch dann kam der Tag X.

Im Sommer 2016 startete nämlich "Pokemon Go". Spieler auf der ganzen Welt liefen mit ihren Smartphones in der Gegend herum und sammelten kleine animierte Monster ein. Der japanische Spielehersteller Nintendo wagte sich auf mobile Plattformen und fand im Entwicklerstudio Niantic einen Partner, der dem Pokemon-Franchise zu neuem Leben und ungeahnten Höhenflügen verhalf. Überall tauchten Monster auf und wurden von Spielern gefangen, zumindest so lange, bis es Beschwerden über Horden von Sammlern in Kirchen, auf Friedhöfen oder bei Flughäfen gab und diese Orte daraufhin für das Einfangen der virtuellen Monster gesperrt werden mussten. Inzwischen ließ der Hype zwar merklich nach, aber ein harter Kern eingefleischter Spieler gibt nicht auf.