Glaubt man der Legende, soll es sich 1994 genauso zugetragen haben: Autor Tom Ruegger saß im Büro des damals übermächtigem Produzenten-Gurus Steven Spielberg, um ihm seine neue Idee zu verkaufen. Er erzählte ihm seine aberwitzige Geschichte von einer genetisch aufgewerteten Labormaus und ihrem liebevoll-dummen Kollegen, die jeden Abend erfolglos versuchen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. "Und wir haben da diesen Song.. .", sagte Ruegger und sang Spielberg die Titelmelodie von "Pinky and the Brain" vor. Spielberg biss an - das Resultat war die wohl absurdeste Kinderserie aller Zeiten.

Wenn die Zählung der Auguren stimmt, befinden wie uns heute, 25 Jahre nach "Pinky and the Brain", im dritten goldenen Zeitalter der Fernsehserie. Das erste, in den Sechzigern, bescherte uns "Raumschiff Enterprise", das zweite in den Achtzigern "Dallas" und das dritte Serien wie "The Wire", "Boardwalk Empire" oder "Breaking Bad". Und damit hätte es eigentlich auch schon wieder gut sein können. Immerhin geht es kommerziellen privaten TV-Sendern nicht übermäßig gut, seit die Werbung lieber online platziert wird und damit statt bei Rupert Murdoch (Fox) lieber bei Mark Zuckerberg (Facebook) landet.

Doch davon kann keine Rede sein. Denn mit der Einführung des Streaming-Fernsehens, jener Killer-Applikation, auf die die Branche lange gewartet hat, startete die größte Landgrabbing-Aktion aller Zeiten. Ein boomender, stark wachsender Markt muss rasch besetzt werden und die aberwitzigen Summen, die Amazon Prime, Netflix oder Sky in die Produktion von Serien pulvern, sind nur die Vorboten der großen Konzerne wie Apple und Disney, die schon in den Startlöchern scharren, um die Sache auf das nächste Level zu heben.

Die Früchte dieses Kampfs kann das Publikum gerade ernten. Eine wahre Flut von in Serie erzählten Geschichten jeder Art prasselt seit einigen Jahren auf das Publikum nieder. Und das bringt einen massiven Paradigmenwechsel mit sich. Musste eine Serie im klassischen TV sofort funktionieren, sind die Produktionsbedingungen im Streaming wagemutiger und viel experimentierfreudiger. Im Casino der Ideen haben plötzlich Dinge eine Chance, die noch vor 10, 15 Jahren viel zu radikal oder nischenhaft waren, um sich eines größeren Investments würdig zu erweisen.

Im Gegenteil: Mitunter werden im Rennen um die noch bessere, noch radikalere Idee sogar geradezu Blankoschecks an die Macher verteilt. Und die großen Gewinner dieser Sache sind die Autoren, für deren Ideen plötzlich ganz viel Raum da ist. Sie sind es, die im Gefecht um Publikum und Aufmerksamkeit von einer klassischen Nebenrolle zum Hauptakteur aufsteigen und eine deutliche Bedeutungssteigerung erfahren.