Man kennt das: Da hat man ein großartiges Buch gelesen und plötzlich erreicht einen die Nachricht, dass es verfilmt wird. Unbehagen macht sich breit, besonders bei höhergradig Bibliophilen: Wird der Film dem Buch gerecht? Wie werden die Charaktere aussehen? Und wird die mittelalterliche Stadt, in der die Handlung spielt, zur futuristischen Weltraummetropole umgemodelt? "Wenn du das Buch magst, schau dir den Film nicht an", raten Eingeweihte mit verschwörerischem Blick. Denn selten schafft es ein Film, die eigene Fantasie zu treffen, wenn nicht sogar zu überflügeln. Der Stift ist eben nicht nur mächtiger als das Schwert, sondern oft auch bunter als die Leinwand.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite zeigt ein klares Gegenbild: Oftmals gelangen Verfilmungen von literarischen Originalwerken zu größerem Ruhm als ihre Vorlagen. Manche regen sogar erst dazu an, im Nachhinein vielleicht doch das Buch zu lesen. Das Genre der Literaturverfilmung ist jedenfalls so komplex wie ergiebig. Daher widmet ihm 3sat am Sonntag auch den Thementag "RomanWelten".

Dass der Weg vom Buch zum Film nicht immer ein holpriger sein muss, beweist Volker Schlöndorffs Verfilmung von Max Frischs Roman "Homo Faber" (So., 20.15, 3sat). Denn Frisch arbeitete vor seiner schweren Darmkrebserkrankung selbst am Drehbuch mit und war mit dem fertigen Werk, das er sich kurz vor seinem Tod 1991 noch ansehen konnte, sehr zufrieden. Als Homo faber wird in der Anthropologie einerseits der moderne Mensch bezeichnet, der sich durch aktives Eingreifen in seine Umwelt auszeichnet. Andererseits wird in der Geschichte dieser moderne, rational agierende Mensch Walter Faber mit der geballten Schicksalhaftigkeit konfrontiert, auf die er keinen Einfluss zu haben scheint. Zufällige Berührungspunkte mit einem Jugendfreund, seiner Jugendliebe Hanna und seiner Tochter, mit der er - nicht wissend, dass er mit ihr verwandt ist - eine inzestuöse Liebesbeziehung anfängt, werfen sein geordnetes Leben aus den Fugen. Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein und überholt sie gleichsam. Ein Spannungsfeld aus Zufall und Schicksal hämmert auf den rationalen Protagonisten ein, bis er schließlich nachgibt. Die Verfilmung legt den inhaltlichen Fokus zwar klar auf die im Dreieck gehende Liebesgeschichte zwischen Walter (Sam Shepard), Hanna (Barbara Sukowa) und seiner Tochter Sabeth (Julie Delpy), nimmt aber zugleich die zentralen gesellschaftskritischen Fragen des Buches mit.

Um eine Geschichte, die ein Buch wortgewaltig in hunderten von Seiten schildert, in eine Erzählzeit von zwei Stunden zu verpacken, bedarf es oft einiger dramaturgischer Veränderungen, Schärfungen und Auslassungen. Besonders bei so umfangreichen Werken wie Günter Grass‘ Mammutroman "Die Blechtrommel" (So., 23.30, 3sat). Im Rahmen - dem der Film entbehrt - geht es um Oskar Matzerath, der sich in einer Heil- und Pflegeanstalt befindet und seine Lebensgeschichte niederschreibt. Lose führt er unterschiedliche Episoden zusammen; an seinem dritten Geburtstag verweigerte er etwa das weitere Wachsen. Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs geht Oskar (David Bennent) den Schritt in Richtung Mündigkeit und fasst den Entschluss, wieder zu wachsen. Regisseur Volker Schlöndorff verhalf auch diesem kanonischen Werk auf die Leinwand, und zwar mit weltweit großem Erfolg: Als bester fremdsprachiger Film wurde "Die Blechtrommel" mit einem Oscar ausgezeichnet und in Cannes mit einer Goldenen Palme.

Doch der Einfluss von Literatur auf Film verläuft keineswegs einseitig. Manchmal dreht sich das Rad auch in die andere Richtung. Wie etwa im Fall des Kultdramas "Der Club der toten Dichter" (So., 20.15, Arte) aus dem Jahr 1989. Nancy H. Kleinbaum veröffentlichte im selben Jahr den gleichnamigen Roman zum Film, basierend auf dem Drehbuch von Tom Schulman: Ende der 50er kommt ein neuer Englischlehrer an ein US-amerikanisches Eliteinternat für Jungen. John Keating (Robin Williams) will seine Schüler zu Freidenkern und Schöngeistern erziehen, nicht zu traditionshörigen Leistungsmaschinen. In den zahlreichen Zitaten aus englischsprachigen Klassikern zeigt sich auf einer weiteren Ebene, wie stark Literatur und Film miteinander verschränkt sind. Intertextualität ist auf diesem Gebiet keine Ausnahme, sondern vielleicht sogar die Regel.