Das Internet, unendliche Weiten und Möglichkeiten. Der Hort des Wissens und des Austauschs, der Arbeit, der Liebe und vielerlei anderer schöner Dinge. Doch es ist auch ein Treffpunkt der Trolle, des Hasses, der Kinderpornografie, Umschlagplatz einer Vielzahl illegaler Dinge und unkontrollierter Marktplatz. Das Internetprotokoll ist Grundlage unzähliger Technologien, die das Leben nachweislich verändert haben, doch nun streiten die Experten, ob es nicht Zeit für ein neues, besseres und wieder menschlicheres Netz sein sollte. Der Schlachtruf "Ceterum censeo interrete esse delendam" hallt durch die Weiten des weltweiten Datennetzes.

Die vier Ms zu Anfang

Doch bevor es um das Ende geht, sollte man sich den Beginn des Internets vor Augen halten: Am Anfang standen die vier Ms - Mond (im Zuge der Mondlandung wurden erstmals über weite Strecken Daten mittels Computer übertragen und - nachdem die Ausgaben für die Nasa drastisch gekürzt wurden - zog es viele arbeitslose Entwickler nach Kalifornien, wo diese den Grundstein für das Silicon Valley legten), Militär (das DARPAnet schuf die Basis für das heutige Internet und sollte als dezentrales Netzwerk unterschiedliche US-Universitäten, die für das Verteidigungsministerium forschten, miteinander verbinden), Macht (wer den Datenstrom kontrolliert, hat einen Vorteil und Einfluss) und Money (Geld regierte das Internet von Anbeginn an, in der Gegenwart ist dies noch stärker zu sehen als in der Frühgeschichte des Netzes).

Der Wendepunkt in der positiven Internetgeschichte war die Entdeckung des weltweiten Datennetzes für den Wissensaustausch rund um den Globus. Nun ja, rund um den Globus meint in diesem Fall, in der westlichen Welt. Die Kosten für Aufbau, Wartung und Infrastruktur waren stets ein wesentlicher Faktor, das weltweite Datennetz ist längst immer noch keine Realität. Zu groß sind die weißen Flecken auf der Landkarte. Aber immerhin, für einen Teil der Weltbevölkerung eröffnete sich eine neue Welt des Wissens und des Austausches.

In den letzten Monaten häufen sich die Diskussionen unter Experten, ob das Internet noch zu retten sei, wer es zerstört hat und ob es nicht einen Neuanfang geben müsste. In diesem Zusammenhang wird oft darüber geredet, dass "Hippies" das Internet erschufen - aber letztendlich auch für den Niedergang verantwortlich sind. Das Internet sollte offen, frei, verbindend und liberal sein. Es wurde als Gegenpol zu den großen IT-Konzernen der USA betrachtet, als Chance, den Fängen von IBM und Co. zu entkommen. Eine Meinung kundzutun, darüber zu diskutieren oder sich überhaupt erst eine zu bilden, das waren die Ideale und diesen Idealen opferte man viel - am Ende vielleicht sogar zu viel. Denn der Schluss - ein freies Internet braucht absolute Freiheit für die Unternehmen, die es weiterentwickeln - wurde zu einem Bumerang. Anstatt Besitz trat gebührenpflichtiges Leihen, Wohnraum rund um das Silicon Valley ist nicht mehr leistbar, Datenschutz und Kontrolle erwuchsen aus dem Mangel an rechtlichen Vorgaben und wer einen Blick auf die Angebote im Netz wirft, kommt zu dem Schluss, das überhaupt nichts mehr fertig entwickelt wird, sondern stets eine Beta-Version ist, die so lange upgedated wird, bis man sie schlussendlich einstellt. Der Internetaktivist Jaron Lanier meinte dazu: "Wir wollten alles frei verfügbar haben, weil wir Hippie-Sozialisten waren. Aber wir haben auch die Entrepreneurs geliebt, weil wir Steve Jobs bewundert haben. Wir wollten Sozialisten und Liberale zur gleichen Zeit sein, was absolut absurd ist." Richard Stallman, MIT-Programmierer und Schöpfer der legendären Software GNU, sagte in einem Interview: "Wir brauchen ein Gesetz. Es gibt keinen Grund, warum sie (die Online-Giganten) weiterexistieren sollten, wenn der Preis dafür jener ist, dass sie alles über uns wissen. Lasst sie verschwinden, sie sind nicht wichtig, die Menschenrechte sind wichtig."