Was hat es bloß so ruiniert?

Ethan Zuckerman vom MIT Center for Civic Media bezeichnete einst die Informationsfreiheit als die "Ursünde des Internets". Mittlerweile sind aber einige andere Faktoren hinzugekommen, die das Internet - zumindest nach Ansicht der Kritiker - zerstört haben: Das wären zum einen die "Cookies". Diese ersten Überwachungstools in der Geschichte des weltweiten Datennetzes sollten eigentlich das andauernde Anmelden bei Diensten obsolet machen, doch förderten sich das Datensammeln und den digitalen gläsernen Online-Konsumenten.

Der Siegeszug der Algorithmen, die stets Neues vorschlagen und vom Anwender trainiert werden, die persönlichen Vorlieben zu erkennen, tat im Strudel des Untergangs sein Übriges. Anstelle einer breiten Meinungsvielfalt traten die Filterblasen. Wenig beachtet wurde jahrelang das Problem mit der "Farmville-Schwachstelle". Als Facebook den Zugang für Drittentwickler zum Sozialen Netzwerk öffnete, wurden zunächst Spiele ein großer Erfolg. Doch ging auch ein Einfallstor für Datenmissbrauch auf, das schlussendlich im Cambridge-Analytica-Desaster mündete.

Generell darf sich Facebook mit dem zweifelhaften Ruf eines Internetzerstörers schmücken, denn auch der "Gefällt mir"-Knopf veränderte die Onlinewelt, und das nicht (nur) zum Positiven. Ryan Holiday schreibt in seinem Buch "Confessions of a Media Manipulator" über die Kraft des "Bored Employee Networks", das aus arbeitenden Menschen besteht, die sich vor ihrem Bürorechner langweilen, so ein "Gefällt mir" nach dem anderen verteilen und dafür sorgen, dass aus einem Nichts ein viraler Hype wird. Schlecky Silberstein ergänzte in seinem Buch "Das Internet muss weg" diese Kategorie noch um das "Activist Network of Unemployed", die sich selbst als vergessen und verstoßen von der Welt und Opfer der Obrigkeiten sehen und mit ihrer Teilnahme in den Sozialen Netzwerken auf Aufmerksamkeit und Bedeutung hoffen. Eine der Mitentwicklerinnen des "Gefällt mir"-Buttons, Leah Pearlman, meinte dazu: "Kennen Sie die ,Black Mirror‘-Folge, in der alle Menschen von ,Likes‘ besessen sind? Ich habe mit Entsetzen festgestellt, dass ich nicht nur dazu gehöre, sondern auch die Plattform für alle anderen erschaffen habe."

Auch der Software-Entwickler Loren Brichter, er erdachte die "Pull-to-refresh"-Geste, also die Aktualisierung von Inhalten durch bloßes "Herunterschieben" am Bildschirm, sah sich zu Selbstkritik genötigt: "Pull-to-refresh macht süchtig. Ich bereue die Schattenseiten." Der schon erwähnte Ethan Zuckerman kam während der Arbeiten an einer Blogging-Plattform auf die Idee, Inhalte von Werbung zu trennen, und schuf damit das Tool, mit dem Werber ihre "Pop-up ads" erschaffen konnten. "Ich wollte das Internet nicht zerstören. Es war nicht meine Absicht, dieses schreckliche Ding in das Leben der Menschen zu bringen. Es tut mir extrem leid", so Zuckerman in einem Interview.