Es gab einmal eine Zeit, da kauften Kunden Produkte, erhielten diese in einem - mehr oder weniger - fertigen Zustand und konnten sie ihr Eigen nennen. Auf CDs oder DVDs wurden Software und Inhalte ausgeliefert und lebten ein Leben als physisch verfügbares Produkt. Dann kam der große digitale Hype: Downloads, Streaming, das Ende der Datenträger und die Ära der "Beta"-Versionen.

Der US-Konzern Google gehört zu jenen Unternehmen, die dem unendlichen Beta-Status am liebsten frönen. Ein Produkt wird in einer sogenannten "Alpha"-Version ausgetestet und dann als niemals fertige, aber nutzbare Version kostenlos veröffentlicht. Die Konsumenten können diese Tools verwenden und erleben im Laufe des Lebenszyklus eines Dienstes immer wieder Updates und Weiterentwicklungen.

Ein Ende von Anfang an

Ein großer Nachteil der kostenlosen Beta-Kultur ist aber, dass Angebote, die nicht den gewünschten Erfolg bringen und zu kostenintensiv werden, einfach abgedreht werden. Als Anwender hat man dann meist noch ausreichend Zeit, seine Daten (irgendwo) zu sichern, mehr aber auch schon nicht. Der Aufschrei unter zufriedenen Kunden ist zwar ein großer, ändert aber selten etwas. Diese Vorgehensweise findet sich zwar bei einigen Unternehmen, doch ist Google besonders von dieser Thematik betroffen, auch aufgrund der Vielzahl an Diensten, die entwickelt und gestartet werden.

Ein genauerer Blick auf den Onlinekonzern zeigt, dass es drei Dienste gibt, die sich schon länger halten - die Internetsuche, mit der Google seinen Durchbruch feierte, das Betriebssystem Android und Google Mail - jetzt Gmail. Wer einen Blick auf den Friedhof von Googles geplatzten Ideen wirft, der wird sich ob der Anzahl der Produkte wahrlich wundern. Umso interessanter ist es, dass Google scheinbar nicht von einem Thema lassen kann - den Sozialen Netzwerken und nun schon wieder einen neuen Versuch startet. Erst im April stellte Google sein soziales Netzwerk "Google Plus" ein. Auch der Instant Messenger "Allo" wurde zu Grabe getragen und das Videokonferenz-Tool "Hangouts" folgt im Oktober.

Google setzte stets auf soziale Netzwerke, doch mit dem Ende von "Google Plus" schien das endgültige Aus der Ambitionen eingeläutet, aber es scheint, als könnte der Konzern nicht von dieser Thematik lassen. US-Medien berichten, dass mit "Shoelace" ein neuer Versuch an den Start ging, der derzeit im Beta-Status für ausgewählte Nutzer in News York City verfügbar ist. Das soziale Netzwerk soll helfen, Gleichgesinnte für Freizeitaktivitäten zu finden.

Doch es gibt eben nicht nur die stetig neuen Produkte, die der Konzern auf den Markt wirft, sondern eine mittlerweile schier unglaubliche Anzahl von Diensten, die eingestellt wurden. Mehr als 150 Projekte hat Google seit 2006 zu Grabe getragen und damit einem Webentwickler aus Bahrain die Möglichkeit gegeben, ein umfassendes Archiv zu veröffentlichen. Es wird beim "Google Cemetery" nicht nur der Dienst mit Start und Enddatum angegeben, sondern auch der Grund für die Einstellung. Aus den gesammelten Daten lassen sich spannende Rückschlüsse ziehen: So beträgt die durchschnittliche Lebensdauer von Google-Produkten rund 4,1 Jahre. Die meisten Produkte hat man - mit 26 Stück - übrigens 2011 eingestellt. Heuer sollen elf Dienste das Zeitliche segnen.

Der Google Friedhof

In die Annalen der digitalen Welt sind dabei einige Dienste eingegangen, deren Namen auch heute noch nachklingen. Als bekannt wurde, dass diese Dienste enden sollten, war die Aufregung teilweise eine große. So etwa beim Fotodienst Picasa, der nach 13 Jahren im Jahr 2015 eingestellt wurde. Was bei den Anwendern für Kopfschütteln sorgte, war für Google allem Anschein nach der richtige Schritt. In einigen Fällen wurden aber auch Angebote einfach nur zusammengeführt, Parallelwelten abgeschafft und neue Angebote generiert. In den USA startete ein Entwickler aus Minneapolis ebenfalls eine ähnliche Webseite unter dem Namen "Killed by Google". Hier lassen sich ebenfalls schnell und einfach alle Google-Produkte und Projekte der Vergangenheit ansehen. Mit ein bisschen Wehmut sieht man dann beim Herumscrollen vergessene Weggefährten, wie etwa die Messagingplattform Google Talk oder iGoogle - die personalisierbare Startseite. Ein Ende dieser Produktzyklen und dem Umgang mit Diensten scheint bei Google nicht absehbar. Wenn Services keinen Erfolg bringen, dann werden sie auch nicht mehr weiterbetrieben. Aber wie sagt der alte Entwicklerspruch: Nichts ist so alt wie das eben veröffentlichte Produkt.