Google ist nicht das einzige Unternehmen, das an Gestensteuerung forscht. BMW hat ein System namens "Natural Interaction" in seine Fahrzeuge implementiert, das bestimmte Funktionen per Zeigegestik aktiviert. Wenn der Fahrer während der Fahrt auf ein Restaurant am Straßenrand zeigt, soll der digitale Assistent automatisch den Namen und Kundenbewertungen ansagen und auf Wunsch eine Tischreservierung per Sprachbefehl vornehmen. Mithilfe von Sensoren und hochauflösenden Kameras können Gesten und Gesichtsausdruck des Fahrers im Innenraum präzise erfasst werden. Auch Spielkonsolen wie die Xbox 360 von Microsoft (mit der Hardware Kinect) unterstützten Gestennavigation.

Steuerung per Handzeichen

Wissenschaftler der Universität Carnegie Mellon University haben kürzlich ein System entwickelt, mit dem es möglich sein soll, Gesten und Objekte im Raum zu erkennen. Für den Netzwerklautsprecher Google Home entwickelten die Forscher eine Musik-Player-Demo, bei der sich die Musik über Berührungen auf dem Tisch steuern lässt. Wenn der Nutzer auf den Tisch tippt, pausiert die Musik oder läuft weiter. Durch leichtes Streifen nach oben oder unten lässt sich die Lautstärke regulieren. Unklar ist, ob Google die Technik weiterentwickelt. Gestensteuerung als paralleler Strang der Sprachsteuerung setzt eine Entwicklung fort, bei der Eingabeeinheiten wie Maus, Tastatur, aber auch alte "Hardware" wie Knöpfe immer unwichtiger werden. Wer braucht noch Maus-Räder, wenn sich die Lautstärke mit Gesten regulieren lässt? Die Interaktion mit Geräten wird zunehmend kontaktloser. Aus hygienetechnischen Gründen mag dies ein Fortschritt sein. Das Smartphone-Display, das wir Studien zufolge 2500 Mal am Tag berühren, ist eine veritable Bakterienschleuder. Doch sind Gesten - wie auch der Gang und Tastaturbewegungen - ein sensibles biometrisches Merkmal. Jeder Mensch tippt und gestikuliert anders. Das macht ihn einzigartig, aber auch verwundbar.

Computerwissenschaftler der Arizona State University haben ein System ermittelt, das Menschen nur anhand ihrer Gesten mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 97 Prozent erkennt. Es reicht, mit dem Finger in der Luft zu unterschreiben oder etwas zu zeichnen, um einen eindeutigen Biomarker zu hinterlassen - und Personen zu identifizieren. Die Forscher wollen daher Handgesten zum nächsten Passwort machen. Doch mit Gesten verhält es sich genauso wie mit anderen biometrischen Merkmalen wie etwa Fingerabdrücken oder Gesichtsscans: Einmal gehackt, sind sie unwiederbringlich verloren.

Der französische Philosoph Michel Foucault beschrieb in seinem Werk "Überwachen und Strafen" (1976) Machtmechanismen in der Disziplinargesellschaft, "die das alltägliche Verhalten der Individuen, ihre Identität, ihre Tätigkeit, ihre scheinbar bedeutungslosen Gesten erfassen und überwachen". Gestensteuerung mag dem Nutzer einen Komfort bieten. Doch wird er mit solchen Erkennungstechniken auch immer durchschaubarer und kontrollierbar.