Wien. Als der damalige Apple-Chef Steve Jobs 2007 der Weltöffentlichkeit das neue iPhone vorstellte, da war die Rede vom "revolutionären Mobiltelefon" nicht bloß Werberhetorik, sondern Programm: Das iPhone als digitaler Alleskönner hat die Welt verändert. Seit dem ersten iPhone haben sich die Nachfolgemodelle abgesehen von neuen Authentifizierungsstandards wie Fingerabdruck und Gesichtsscan sowie schnellerer Prozessoren jedoch kaum verändert. Man wischt weiterhin über das Display oder steuert das Gerät per Sprachsteuerung (mit der Sprachassistentin Siri). Der Smartphone-Markt ist übersättigt, es fehlen die Innovationen, sagen Analysten. Faltbare Handys, wie sie Samsung und Huawei in diesem Jahr auf den Markt gebracht haben, sind in ersten Tests durchgefallen.

Im Windschatten der Konkurrenz tüftelt Google an der nächsten Smartphone-Generation: Der Konzern hat eine Radartechnologie entwickelt, die feinste Hand- und Fingergesten erkennt. In das neue Pixel-4-Smartphone, das noch in diesem Herbst auf den Markt kommen soll, wird im oberen Bereich neben der der Frontkamera ein winzig kleiner Radarchip integriert, der mithilfe von Algorithmen wahrnimmt, ob der Nutzer in der Nähe ist. Der Sensor emittiert elektromagnetische Wellen, die Bewegungen reflektieren und dies in Daten übersetzen. In dem Patentantrag steht, dass die Technik bis zu 10.000 Frames pro Sekunde erkennen kann.

Mithilfe der Gestensteuerung soll es möglich sein, per Handbewegung zwischen Songs hin- und herwechseln oder Anrufe stummzuschalten - ohne dabei das Smartphone zu berühren. Die Steuerung soll sogar durch dünne Stoffe funktionieren. In einem Demonstrationsvideo ist zu sehen, wie eine Frau durch bloßes Wischen in der Luft Musiktitel wechselt. Es wirkt wie eine Reminiszenz an den Science-Fiction-Streifen "Minority Report", wo der Polizist John Anderton in einem Kontrollzentrum Verbrechensszenen mit einem Handschuh abruft. Fünf Jahre haben die Forscher des Advanced Technology and Projects (ATAP), das im Zuge der Motorola-Übernahme gegründet wurde, in ihren geheimen Laboren an dem Projekt gearbeitet. Anfang des Jahres erhielt Google von der US-Telekom-Aufsicht Federal Communications Commission (FCC) die Genehmigung für die Technologie.

"Das nächste große Ding"

Der sogenannte hands-free-Ansatz könnte einen Sprung in der Bedienung digitaler Endgeräte bedeuten. Das Technik-Magazin "Wired" nannte Gestensteuerung "das nächste große Ding" - "einen Weg, unsere Bildschirme wie ein Dirigent zu kontrollieren, der seinen unsichtbaren Taktstock hebt". Gestensteuerung könnte in den nächsten Jahren das Touchpad als Bedienelement ablösen, das sich bei zahlreichen Geräten etabliert hat - vom Laptop über Smartphones bis hin zu Navigationsgeräten und Kühlschränken. Der Nutzer als digitaler Dirigent könnte per Gestensteuerung nicht nur Musiktitel wechseln, sondern auch Kühlprogramme konfigurieren oder Geräteeinstellungen ändern.