"Bist du aber groß geworden!" Heranwachsende Besucher von Familienfesten kennen das repetitive Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen zur Genüge. Will man das Staunen in betretenes Schweigen verwandeln, könnte man sich als elaborierte Standard-Antwort den philosophischen Dauerbrenner Heraklits zurechtlegen: Man kann eben nicht zweimal in denselben Fluss steigen, Großtante Trude. Denn dass das Leben ein steter Wandel ist, haben nicht erst periphere Familienmitglieder erkannt. Von Heraklit ausgehend, zog die philosophische Flusslehre weite Kreise bis in die Neuzeit; das Sein als unaufhaltbar fließender Wasserlauf. Und während Heraklit in immer wieder neues Wasser steigt, legt Fährmann Charon in der griechischen Mythologie vom Ufer der Lebenden ab und überquert den Styx in Richtung Totenreich. Der Fluss macht also in unterschiedlichen Zusammenhängen eine gute Metapher - Schreibfluss, Geldfluss, Redefluss. Und auch auf weniger abstrakter Ebene spielt das bewegte Gewässer eine tragende Rolle, sei es als wasserspendender Nahversorger, Handelsroute oder bloß Quell der Abkühlung an einem heißen Sommertag.

Zwar fließt der Tana nicht zwischen Dies- und Jenseits, sondern bloß zwischen Finnland und Norwegen. Und dennoch ist auch er idealer Beweis für gelungene Wandelmetaphorik: Auf 348 Flusskilometern wälzt er sich mal entlang von ausladenden Sandstränden, mal krümmt er sich wieder zum reißenden Strom, bis er im Winter unter einer dicken Eisdecke zur Ruhe kommt. Größter Widersacher des fließenden Wandels ist eben das haltbarmachende Einfrieren. Sobald der Tana stillsteht, mäandern auch schon Hundeschlitten und sogar Autos zwischen seinen Ufern. Und auch sein Flussbett, das sich über Millionen von Jahren gebildet hat, gleicht heute noch annähernd seinem Urzustand. Im Sommer wurlt es im Tana hingegen ordentlich, denn er ist Europas größter und wichtigster Lachsfluss und versorgt die ihn besiedelnden Samen schon seit Jahrtausenden mit wildem Lachs. Der dritte Teil der Doku-Reihe "Grenzflüsse" (Mi., 8.00, Arte) setzt die vielen unterschiedlichen Gesichter des Tana in Szene.

Im Drama "Flussaufwärts" (Mi., 20.15, Arte) ist ein wilder Bergfluss zentraler Protagonist und ersetzt damit die weit ins Land ragende Schnellstraße als Setting des typischen Roadtrips. Es ist über lange Strecken ein Rivertrip, der die beiden Brüder Homer (Olivier Gourmet) und Joé (Sergi López) durch die idyllische Bergwelt Kroatiens treibt und sie näher zusammenrücken lässt. Denn bis vor Kurzem wussten sie noch nicht von der Existenz des anderen. Erst als ihr gemeinsamer Vater unter seltsamen Vorzeichen verstorben ist, führt sie ein juristischer Brief zusammen. Kurzerhand beschließen sie, gemeinsam jenen Ort zu besuchen, an dem die Leiche ihres Vaters gefunden wurde - ausgerechnet ein entlegenes Kloster in den Bergen. Auf der Reise mit dem Motorboot über den Fluss durchqueren sie nicht nur eine atemberaubende Landschaft, sondern sind mit Abenteuern konfrontiert, die ihr Leben bald nachhaltig verändern. Auf dem Weg zu ihrem Vater finden sie zudem vor allem sich selbst.

Die metaphorische Kraft des Flusses prangt im Thriller "Die purpurnen Flüsse" (Mi., 20.15, KabelEins) schon vom Titel. Hier geht es allerdings nicht um reißende Wasserläufe in psychedelischen Farben, sondern um den beständig rauschenden Blutfluss im menschlichen Körper. Denn als Kriminalpolizist Pierre Niémans (Jean Reno) die Leiche des Bibliothekars der Universität von Guernon entdeckt und Inspektor Max Kerkerian (Vincent Cassel) in Sarzac die Schändung eines Grabes untersucht, stellt sich heraus, dass man es mit einem Serienmörder zu tun hat.

Als sie die Leiche von Augenarzt Dr. Bernhard Chernezé (Jean-Pierre Cassel) finden, der für eine "Blutauffrischung" unter den inzestuös aktiven Universitätsangehörigen plädiert hatte, steht mit Blut an der Wand: "Ich kehre zu der Quelle der purpurnen Flüsse zurück". In der Doktorarbeit des ermordeten Bibliothekars klärt sich der Begriff schließlich auf: Die purpurnen Flüsse stehen stellvertretend für das Blut des vollkommenen Menschen. Schließlich führen die Spuren zurück zu Zwillingsschwestern, die nach ihrer Geburt getrennt wurden. Nach 18 Jahren kehrt der Fluss also zurück zu seinem Ursprung. Alles fließt - und manches stockt.