Seit Donnerstag befindet sich St. Pölten im alljährlichen, kalkulierten Ausnahmezustand. Die Zelte am Campingplatz stehen dem unruhigen Schlaf Schmiere, die ersten warmen Dosenbiere zischen zur Tagwache und der Supermarkt neben dem VAZ-Gelände geht über vor Festivalbesuchern, die die Schonkost aus Milchbrötchen und Kabanossi doch nicht länger aushalten, mit der sie den überteuerten Essensstandeln trotzen. Das Frequency rollt übers Land. Und am Sonntag dann auch in alle Himmelsrichtungen retour. Doch zwischen allen verkehrsbedingten Mühen, unbequemen Schlafsäcken und überteuerten Mineralwasserbechern steigt er einem immer wieder in die Nase, der Duft der von allen Zwängen losgelösten Freiheit. Oder war das doch die frisch ausgepumpte Mobiltoilette?

Allerdings ist es naturgegeben schwer, in große Fußstapfen zu treten. Und jene, die das legendäre Woodstock-Festival 1969 hinterlassen hat, sind mittlerweile längst auf Big-Foot-Größe angeschwollen. Mit 500.000 Besuchern, ikonischen Acts wie Jimi Hendrix oder Janis Joplin und der politischen Situation in den USA, der es sich zu widersetzen galt, im Nacken, steht es längst auf einem musikgeschichtlichen Ehrenpodest. Friedlich, frei und progressiv. So lautet der Mythos, der das Ausnahmefestival längst überstrahlt. Vor genau 50 Jahren, also vom 15. bis zu den Morgenstunden des 18. August 1969 fand es im US-Bundesstaat New York nahe der Kleinstadt Bethel statt. Aus diesem Anlass steht das Fernsehprogramm am Wochenende ganz im Zeichen von Love, Peace and Happiness.

Zuerst wagt die neue Dokumentation "50 Jahre Woodstock" (Sa., 19.20, 3Sat) eine musikalische Rückschau. Gezeigt werden nicht nur die Atmosphäre des Festivals und die damaligen musikalischen Highlights, auf die Augenzeugen wie der Festival-Fotograf Elliott Landy und Woodstock-Macher Joel Rosenmann zurückblicken. Auch zeitgenössische Bands aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lassen ihre Perspektive auf die Woodstock-Ära einfließen. Der Nino aus Wien, die Schweizer Folk-Band Black Sea Dahu und die Soulsängerin Leslie Clio aus Berlin erzählen, was das Legendenfestival für sie bedeutet, und interpretieren jeweils einen Woodstock-Song von Janis Joplin, Crosby, Stills & Nash und Arlo Guthrie.

Auch "Happy Birthday, Woodstock! - Die Highlights" (So., 23.25, ServusTV) ruft die legendären Acts des schlagkräftigsten Musikfestivals aller Zeiten noch einmal in Erinnerung und zeigt Live-Mitschnitte von längst in die Geschichtsbücher eingegangenen Auftritten von The Who bis Joe Cocker. Im Gegensatz dazu setzt der neue Dokumentarfilm "Woodstock - Drei Tage, die eine Generation prägten" (So., 23.10, SF1) zur Abwechslung nicht beim Musikkult an, sondern beim Publikum, das ebenso seinen Beitrag zur Legendenbildung geleistet hat. 500.000 Menschen fluteten eine Milchfarm in der Nähe von New York - eine Geschichte, die der Vorläufer für die dank öffentlicher Facebook-Veranstaltungen eskalierten Privatpartys der vergangenen Jahre sein könnte. Doch trotz organisatorischem Chaos, Essensknappheit und Schlechtwetter breiteten sich weder Panik noch Randale aus, sondern eine genügsame Atmosphäre von Freiheit und friedlichem Beisammensein. Die Tonspur lässt damalige Besucher selbst zu Wort kommen und ruft damit die politische, soziale und progressive Dimension des Festivals in Erinnerung.

Ein wesentlicher Wegbereiter des Festivals war Elliot Tiber, auf dessen autobiographischem Roman der Historienfilm "Taking Woodstock" (Sa., 22.55, SF1) basiert. Tiber - im Film: Teichberg - kehrt in seinen Heimatort Bethel zurück, um das strauchelnde Motel seiner Eltern vor der Pleite zu retten. Als er erfährt, dass Musikproduzent Michael Lang ein großes Open-Air-Festival plant, schaltet er sich ein: Da er als Präsident der lokalen Handelskammer eine eigens ausgestellte Lizenz zur Veranstaltung von Kulturfestivals besitzt, vermittelt er den Organisatoren die Weide seines Nachbarn Max Yasgur. Was folgt, ist Geschichte. Teichberg selbst schafft es zwar nur an einem Tag, sich vom Motel, in dem das Organisatorenteam untergebracht ist, loszueisen und in die Festivalatmosphäre einzutauchen. Doch sogar das unterkühlte Verhältnis zu seinen Eltern vermag die Stimmung aufzutauen.