Wien. Am Labor Day 1969, die Mondlandung und das legendäre Woodstock-Festival waren da gerade ein paar Wochen alt, erhielt Leonard Kleinrock, Professor für Computerwissenschaft an der University of California in Los Angeles (UCLA), ein sperriges Paket. Darin enthalten: ein schrankgroßer Rechner mit Panzerung und Stahlhaken. Das Paket, das per Expresssendung aus Boston kam, war so groß, dass es nicht in den Aufzug der Boelter Hall der UCLA passte. Die Professoren und Doktoranden hatten schon Angst, man müsse das Rechnerungetüm mit einem Kran in die oberen Etagen hieven. Schließlich gelang es den Angestellten, die schwere Fracht mit einem Gabelstapler in den Raum zu befördern.

1968 war Kleinrock von der Arpa (heute Darpa), der Forschungsstelle des US-Verteidigungsministeriums, mit der Entwicklung eines dezentralen Rechnernetzes beauftragt worden: das sogenannte Arpanet. Das Pentagon wollte im Kalten Krieg eine krisenfeste, abhörsichere Kommunikationsform schaffen. Die Idee war es, vereinfacht gesagt, das in den USA damals sehr gut ausgebaute Fernsprechnetz für die Datenkommunikation zu nutzen.

Historischer Moment

Der Schlüssel für diese Sendungs- und Paketvermittlungstechnik war ein Interface Message Processor (IMP), ein Vorgänger des Internetrouters, welcher die Daten des Hostrechners in Paketform aufbereitete, mit einer Prüfnummer versah und schließlich an die Zieladresse versendete. Man kann es sich wie eine Art elektronisches Postamt vorstellen. Diese IMPs bildeten das Rückgrat des Arpanets. Im Jahr 1969 waren vier Knotenrechner an dem Computernetz angeschlossen: die UCLA, die UC Santa Barbara (UCSB), das Stanford Institute (SRI) sowie die University of Utah.

Um das System zu testen, kamen Kleinrock und seine Doktoranden am 29. Oktober 1969 in dessen Büro zusammen. Der Professor saß vor einem SDS Sigma 7, dem ersten 32-Bit-Computer. Sein Assistent, der Programmierer Charles Kline, stellte eine Telefonverbindung von Los Angeles zum Stanford Research Institute in Menlo Park her. Das Team wollte sich auf dem über 500 Kilometer entfernten Rechner einloggen und ein paar Datenpakete übermitteln. Kline tippte den Buchstaben "L" für den Computerbefehl "Login" ein und fragte den Kollegen vom SRI am anderen Ende der Telefonleitung, ob die Botschaft ankam. Der Gegenüber bejahte. Für den Buchstaben "O" wurde dieselbe Prozedur durchgeführt. Mit Erfolg. Als Kline jedoch den dritten Buchstaben "G" eingeben wollte, brach das Rechnernetz zusammen - der Gegenüber am Telefon konnte nur noch den Systemabsturz vermelden. Doch Kline und seine Kollegen hatten gerade Computergeschichte geschrieben - sie übermittelten die erste Nachricht über das Netz: "LO". Die Geburtsstunde des Internets begann mit einem Crash. Kleinrock bezeichnete den historischen Moment rückblickend als den "Tag, an dem das Kinder-Internet seine ersten Worte aussprach".