Dylan Minnette als Clay Jensen, der beste Freund der toten Protagonistin Hanna Baker. - © Netflix
Dylan Minnette als Clay Jensen, der beste Freund der toten Protagonistin Hanna Baker. - © Netflix

New York. (bau) Die Diskussionen um die Netflix-Erfolgsserie "13 Reasons Why" sind so alt wie die Serie selbst. Die Kernfrage lautet: Kann die Serie junge Menschen zum Suizid animieren? Die Macher des 2017 gestarteten Formats das unter dem deutschen Titel "Tote Mädchen lügen nicht" am Freitag in die dritte Staffel geht, mussten darauf reagieren. Es gibt Erklärvideos vor einigen Folgen und eine Internetseite mit Hilfsnummern und Informationen. Die Angebote richten sich auch an jene, bei denen die Handlung möglicherweise ein erhöhtes Risiko auslöst, sich zu töten.

"Wenn du selbst mit diesen Problemen kämpfst, könnte diese Serie nicht die richtige für dich sein", heißt es in dem englischsprachigen Video, gesprochen von den Schauspielern selbst. Allerdings dürften die Diskussionen kaum abreißen. Neue Studien erhärten aus Sicht mancher Kritiker den Verdacht, dass "Tote Mädchen Lügen nicht" junge Menschen zum Suizid bewegt hat.

Schon kurz nach Veröffentlichung der ersten Folgen 2017 liefen erste Mediziner Sturm. Die Serie heroisiere und dramatisiere den Suizid der Schülerin Hannah Baker und nenne Details dazu. In der ersten Staffel wurde genau beschrieben, wie Hannah gemobbt wurde. Die Schülerin tötet sich letztlich selbst und gibt auf zuvor aufgenommenen Kassetten einigen Personen in ihrem Umfeld eine Mitschuld. Aus Sicht der Mediziner lieferte die Serie alle Zutaten für den sogenannten Werther-Effekt. Der Name ist an Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" angelehnt. Nach seiner Veröffentlichung 1774 kam es zu einer Reihe von Suiziden junger Männer, der Effekt gilt heute als belegt. Eine im Mai veröffentlichte Studie von Thomas Niederkrotenthaler von der Medizinischen Universität Wien scheint dies für "Tote Mädchen Lügen nicht" ebenfalls zu bestätigen.

Er hat mit Kollegen festgestellt, dass die Zahl der Suizide bei 10- bis 19-Jährigen in den USA bis zu drei Monate nach Veröffentlichung der ersten Staffel auffällig hoch war. Vor allem bei jungen Frauen war der Anstieg mit einem Plus von 21,7 Prozent sehr deutlich.

Das sei noch kein eindeutiger Beweis, dass "Tote Mädchen lügen nicht" zu mehr Selbsttötungen führt, sagt der Wissenschafter. Unter anderem sei nicht zu sagen, ob die Betroffenen die Serie überhaupt gesehen hätten. Aber: "Ein Zusammenhang zwischen der Serie und der erhöhten Zahl an Suiziden ergibt sich aus dem Gesamtbild der Forschung zu diesem Thema." Aus anderen Studien sei hervorgegangen, dass damals auch die Zahl der Suizid-Versuche angestiegen sei.

Fatale, ausweglose Lage

Besonders problematisch ist aus Niederkrotenthalers Sicht, dass die Serie in der ersten Staffel den Eindruck erzeugt habe, dass es aus der Lage der Protagonistin keinen anderen Ausweg als den Suizid gegeben hätte. Es sei prinzipiell kein Problem, dass Selbsttötungen in Filmen und Serien thematisiert würden. "Es geht aber um das Wie. Und da war diese Netflix-Serie eine ganz klare Ausnahme im negativen Sinne." Erwachsene seien als hilf- und ahnungslos dargestellt worden, die Hannah Baker sogar noch mit in die Selbsttötung gedrängt hätten.

Netflix hatte auf diese und ähnliche Anschuldigungen zuletzt mit dem Verweis auf eine Studie der Universität von Pennsylvania reagiert. Deren Verfasser legten dar, dass sie einen Einfluss der zweiten Staffel auf Suizide nicht hatten feststellen können. Netflix betonte, dass man dort alle Anstrengungen unternehme, "um sicherzustellen, dass wir mit diesem sensiblen Thema verantwortungsvoll umgehen".

In Pennsylvania aber ging es eben um die zweite Staffel. Diese beschäftigte sich anders als die erste nicht so sehr mit dem Thema Selbsttötung. Dies könnte die Bedeutung der Studie aus Pennsylvania und auch die Vorzeichen für Staffel drei ändern. Niederkrotenthaler etwa sagt, dass seine Ergebnisse nicht als Schreckensszenario für die neuen Folgen gesehen werden müssen. "Wir wissen derzeit nicht, was das Thema der dritten Staffel sein wird."

Der Wissenschafter betont dabei, dass das Thema Suizid durchaus auch konstruktiv im Fernsehen dargestellt werden könne. "Filme und Serien können einen präventiven Effekt haben, wenn gezeigt wird, wie jemand aus seiner Krise wieder herausgekommen ist, wie jemand mit der Situation umgegangen ist." In diesem Fall ist dann vom "Papageno-Effekt" die Rede, angelehnt an Mozarts Oper "Die Zauberflöte", in der der Protagonist die existenzielle Lebenskrise durch die Unterstützung von drei Knaben bewältigt.