Wien. Im Jahr 1971 verschickte der amerikanische Informatiker Ray Tomlinson die erste E-Mail. Die Testnachricht zirkulierte via Arpanet, dem Vorgänger des heutigen Internets. Mittlerweile ist daraus ein massenmediales Phänomen geworden. 281 Milliarden E-Mails wurden allein im vergangenen Jahr versendet - pro Tag. Und das, obwohl knapp die Hälfte der Weltbevölkerung noch immer keinen Internetzugang hat. Die E-Mail ist das Standard-Kommunikationsmittel des digitalen Zeitalters, ein elektronischer Briefkasten, ohne den man sich für viele Dienste gar nicht anmelden kann. Selbst Papst Benedikt XVI. hatte eine eigene E-Mail-Adresse (benedictxvi@vatican.va). Papst Johannes Paul II., eine Art Early Adopter im Vatikan, entschuldigte sich 2001 per Mail für die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche. Der aktuelle Papst Franziskus hat zwar kein eigenes elektronisches Postfach, nannte die Segnungen des Internets aber einmal ein "Geschenk Gottes". Für die allermeisten Menschen sind Mails vor allem eines: ein großer Stressfaktor.

Nachrichten harren der Antwort oder bleiben liegen, schon nach ein paar Tagen Abwesenheit quillt das Postfach über. Spam, die Kinderkrankheit des World Wide Web, ist trotz ausgefeilter Filtertechniken noch immer nicht ausgerottet. Und dann gibt es da noch die nicht mehr enden wollenden Kommunikationsketten nach dem Muster "Re: AW: Re: AW: Re: AW", wo dutzende Adressaten in CC gesetzt werden. E-Mails gelten als veritabler Produktivitätskiller. Laut einer Studie kostet die Ablenkung durch E-Mails und soziale Medien die US-Volkswirtschaft jährlich fast eine Billion Dollar.

Der französische IT-Anbieter Atos hat E-Mails für den internen Kommunikationsverkehr schon vor ein paar Jahren abgeschafft. Bei Unternehmen wie Daimler oder Volkswagen werden Dienstmails, die nach Feierabend oder während der Urlaubszeit eingehen, automatisch gelöscht. Und der Gründer des Bürokommunikations-Diensts Slack, Stewart Butterfield, ist mit dem vollmundigen Versprechen angetreten, die "E-Mail zu töten". Allein, die Informationsflut lässt sich damit kaum eindämmen. Im Gegenteil: Das E-Mail-Aufkommen soll bis 2022 auf 347 Milliarden Nachrichten pro Tag steigen. Solange die E-Mail der Authentifizierungsstandards bleibt, wird sich auch an der Mail als einer Art digitaler Schlüsseldienst nichts ändern. Pfadabhängigkeit heißt das in der Politikwissenschaft.

Geld gegen die Flut

Der Verhaltensökonom Dan Egan hat in der BBC eine ebenso smarte wie simple Lösung vorgeschlagen, um der E-Mail-Flut Herr zu werden: Man verlangt einfach eine Gebühr. Egan hat ein digitales Porto bereits auf seiner Webseite eingeführt. Wer ihn per Mail kontaktieren will, muss 20 Dollar an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden. Der Sender überlegt sich zweimal, ob das Anliegen so wichtig ist, dass er 20 Dollar für die Kontaktaufnahme bezahlt. Die Bezahlschranke wirkte wie ein natürlicher Filter: Er habe danach deutlich weniger, dafür aber mehr qualifizierte Anfragen erhalten, bilanziert der Ökonom.