Oftmals sind Resteln eine ziemliche Herausforderung - beim Dividieren etwa, oder beim Kochen. Was macht man nun mit den übrig gebliebenen Palatschinken von gestern? Entweder man schreibt sie ab, oder man macht kurzerhand etwas Neues daraus. Frittaten zum Beispiel. Nach Ende des Ersten Weltkriegs hatte die frisch geschlüpfte Republik Österreich als kleiner Rest der Habsburgermonarchie große Mühe, sich eine neue Identität zu schaffen. Vom Vielvölkerstaat mit einem Schlag zum Rumpfstaat geschrumpft, fühlte man sich größtenteils doch eher wie die Palatschinken vom Vortag, die nicht lange überleben werden, bevor sie sich in ihre Bestandteile auflösen. Zynische Zungen sagen der österreichischen Mentalität bis heute Phantomschmerzen in den amputierten Gliedern der einstigen Großmacht nach. Und ganz unrecht haben sie an mancher Stelle womöglich nicht. Auf Instagram postet etwa ein User ein Foto vom Strand in Grado mit der Bildunterschrift: "Das war früher mal Österreich #sad #vertragvonstgermain".

Am 10. September 1919 unterzeichneten Österreich und die Alliierten den Friedensvertrag von Saint-Germain. Damit einher ging nicht nur die endgültige Auflösung von Österreich-Ungarn, sondern auch das Festlegen der politischen Rahmenbedingungen für die neue Republik. Denn eine der wesentlichen Forderungen der Alliierten war die Umbenennung des 1918 gegründeten Staates Deutsch-Österreich in Republik Österreich und ihre volle Souveränität gegenüber der deutschen. Südtirol, Friaul und das Gebiet um Triest gingen an Italien, einige Gebiete der ehemaligen Monarchie an das neu gegründete Jugoslawien, und Österreich musste die Unabhängigkeit Ungarns, der damaligen Tschechoslowakei, Jugoslawiens und Polens anerkennen. Im Gegenzug ging das Burgenland an Österreich. Angeblich besiegelte der französische Premierminister Georges Clemenceau das Schicksal des übrig gebliebenen Kleinstaates mit den Worten: "Der Rest ist Österreich." Wie und ob er das tatsächlich gesagt hat, ist zwar historisch nicht restlos belegt, doch wurden diese Worte zum Slogan eines Stimmungsbilds. Der Dokumentarfilm "Der Rest ist Österreich - Der Vertrag von St. Germain und die Folgen" (Sa., 21.55, ORFIII) zeigt die Ereignisse von 1919 und verflechtet gespielte Szenen mit Originalaufnahmen. Noch tiefer in die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Vertrags von Saint-Germain taucht der neue Zweiteiler "St. Germain und die Folgen" ein. Der erste Teil (Sa., 20.15, ORFIII) widmet sich dem Süden und damit jenen Gebieten, die vor 1919 noch zur Republik Deutsch-Österreich gehörten. Man wirft einen Blick auf Südtirol, die Untersteiermark, das Kanaltal und Teile von Kärnten und fragt nach Veränderungen und Überbleibseln. Dazu kommen auch Zeitzeuginnen zu Wort. Doch nicht nur für die betroffenen Gebiete und ihre Bewohner war der Umbruch folgenreich. Der Vertrag hatte große Auswirkungen auf das 20. Jahrhundert im Allgemeinen, die österreichische, italienische und slowenische Historiker in der Doku analysieren.

Der zweite Teil (Sa., 21.05, ORFIII) beschäftigt sich mit den nördlichen Gebieten, die mit dem 10. September 1919 an die neu gegründete Tschechoslowakei gingen. Ihr Mitbegründer und erster Staatspräsident war Thomas Masaryk, der schon während des Ersten Weltkriegs für die Gründung eines souveränen tschechoslowakischen Staates mobilmachte. Dabei unterstützten ihn nicht nur die USA, sondern auch tausende tschechische Soldaten, die während des Krieges die Seiten wechselten und von der österreichischen Armee zu den Alliierten überliefen. Im Gegenzug dafür willigten diese nach Kriegsende ein, dass die Grenze des neuen Staates entlang der traditionellen Grenze der ehemaligen Kronländer Böhmen und Mähren verlief. Vor allem für die deutschsprachige Bevölkerung dieser Gebiete war diese Entscheidung folgenreich; sie gipfelte nach dem Zweiten Weltkrieg in der Vertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte sich die Situation der deutschsprachigen Minderheit verbessern.

Das 100-jährige Jubiläum des Vertrags von Saint-Germain gibt also nicht nur Anlass zur Erinnerung, sondern auch zur Analyse seiner Auswirkungen. Manchmal lässt sich erst mit einigem zeitlichen Abstand ausmachen, ob es die übrig gebliebene Palatschinke zur Frittate geschafft hat.