Theater ist Schreiben im Sand", lautet der Titel eines Essays von Regisseur Luk Perceval und gleichsam sein Mantra. Gemeint ist damit die Flüchtigkeit des Augenblicks auf der Bühne einerseits, die beharrliche Suche nach dem Sinn andererseits, die die Menschen unaufhörlich ins Theater treibe - sowohl als Schaffende als auch als Rezipierende. "Ist nicht der Sinn des Theaters die Suche an sich?", fragt Perceval und konterkariert damit das Händeringen um die Daseinsberechtigung des Theaters und der Kunst an sich zwischen Rationalisierung und Frage nach dem Mehrwert. Wenn alles einen Sinn haben muss, ist das Theater eben sein Katalysator. Das kann man so sehen. Oder man sieht es ganz anders. Denn die Zugänge zum Theater sind so vielfältig wie seine Inszenierungsformen und Protagonisten. Das Fernsehprogramm begibt sich am Wochenende auf die Spur einiger heimischer Autoren von damals bis heute, die sich mit großem Erfolg dem Theater zugewendet haben.

Zusammen mit Johann Nestroy prägte Ferdinand Raimund das Alt-Wiener Volkstheater. Seine Stücke wie "Der Bauer als Millionär" oder "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" erfreuen sich bis heute größter Beliebtheit und zählen nach wie vor zum festen Repertoire großer Theaterhäuser. In "Brüderlein fein" (Sa., 21.55 Uhr, ORF2) macht Felix Mitterer den Bühnenmeister selbst zur Hauptfigur seines Theaterstücks, das er für die diesjährigen Raimundspiele in Gutenstein verfasst hat und das mit sechs Kameras aufgezeichnet wurde. Den zu Lebzeiten äußerst erfolgreichen Volksschauspieler verkörpert kein Geringerer als Burgschauspieler Johannes Krisch. Gekonnt und einfühlsam nimmt er den Spagat zwischen Genie und Wahnsinn, der für Raimund und sein tragisches Schicksal bezeichnend ist.

Letztlich war es nämlich seine große Phobie vor der Tollwut selbst, die ihn dahinraffte: Als er 1836 von seinem Hund, den er fälschlicherweise für tollwütig hielt, gebissen wurde, versuchte er zunächst, sich mit einem Schuss in den Mund das Leben zu nehmen, was jedoch missglückte. Erst einige Tage später erlag er den Folgen seiner Schussverletzung.

Einige Jahrzehnte nach Raimunds Tod schreibt sich Arthur Schnitzler hartnäckig in die Wiener Moderne ein. Seine Tätigkeit als Arzt legt er auch in seinem Schreiben nie ganz ab, stellt er in seinen Werken - in der Prosa wie im Drama - doch immer wieder das Seelenleben seiner Figuren in den Vordergrund. Was Sigmund Freud etwa zur gleichen Zeit in der Psychoanalyse leistet, macht Schnitzler auf literarischer Ebene: Er beschäftigt sich mit Themen wie der Sexualität und konfrontiert damit die bürgerliche Gesellschaft mit ihren Tabus. Das bringt ihm bald einen gewissen Ruf ein, und zwar den des Skandalautors. Hugo von Hofmannsthal bezeichnete ihn nach der Lektüre seines "Reigen" wohlwollend als "Schmutzfink". Die Dokumentation "Arthur Schnitzler und seineZeit" (Sa., 18.35 Uhr, ORFIII) versucht, sich dem Psychoanalytiker unter den Dramatikern von verschiedenen Richtungen aus anzunähern, und lässt mit seinem Enkel Michael Schnitzler oder der Präsidentin der Arthur Schnitzler Gesellschaft Konstanze Fliedl sowohl Angehörige als auch Experten zu Wort kommen.

Heute ist Peter Turrini einer der meistgespielten Dramatiker der Gegenwart. Und nicht nur das: Er schreibt Essays, Briefe, Drehbücher, Reden. In seinen oftmals provokanten Volksstücken wie "Rozznjogd" oder "Sauschlachten" bringt er Themen wie Unmenschlichkeit, Ausgrenzung und Hass aufs Tapet, übt Kritik an der korrupten und ausbeuterischen Gesellschaft durch die Darstellung von Schicksalen, deren Ausweglosigkeit ihnen schon zu Beginn innewohnt, während sie sich nach einem besseren Ausgang sehnen. Anlässlich seines 75. Geburtstags am vergangenen Donnerstag zeigt 3sat die Dokumentation "Peter Turrini - Eine komische Katastrophe" (Sa., 22.45 Uhr), die seine Geschichte sowohl aus Turrinis eigener Perspektive als auch durch seine Texte hindurch erzählt.

Diese punktuellen Beispiele aus den unterschiedlichen Epochen zeigen vor allem eines deutlich: Auch wenn Theater vielleicht Schreiben im Sand sein mag - immer wieder gelingt es doch, sich nachhaltig in die Literaturgeschichte einzuschreiben und so der Flüchtigkeit des Performativen etwas Dauerhaftes entgegenzusetzen.