Im Jänner 2018 traf das Facebook-Management eine Entscheidung, die von großer politischer Tragweite sein sollte. Der Konzern kündigte an, künftig stärker lokale Posts priorisieren zu wollen. Man werde mehr Inhalte lokaler Nachrichtenseiten einspeisen, teilte Facebook in seinem "Newsroom" mit.

Die algorithmische Neujustierung, welche an die Tradition der "Friends and Family First"-Doktrin anknüpft, sollte die Weichen stellen für den später aufgelegten Journalismusfonds, mit dem Facebook mit 300 Millionen Dollar den Lokaljournalismus fördert. Mit diesen "Reparationszahlungen" an die durch die Absorption von Werbeeinnahmen ausgedünnte Medienlandschaft wollte das soziale Netzwerk seinen durch Datenskandale und Fake News entstandenen Reputationsschaden korrigieren. Dieser Tage ist es ja durch das Urteil des EuGH, wonach es Hasspostings weltweit löschen muss, wieder ins Gerede gekommen.

Am 12. Jänner 2018 gründete Leandro Antonio Nogueira, ein Maurer aus Périgueux, die Facebook-Gruppe "Vous en avez marre? C’est maintenant!!" (zu Deutsch: Habt ihr die Schnauze voll? Jetzt ist es Zeit zu handeln!), um gegen das Tempolimit von 80 Stundenkilometern auf Landstraßen zu protestieren. Die Gruppe gewann rasch neue Mitglieder, und die Administratoren eröffneten unter dem Codenamen "Colère" (Wut) und der jeweiligen Département-Nummer neue lokale Gruppen. Zwei Wochen später sollte die Bewegung bereits 80.000 Mitglieder zählen - und landesweit in der Fläche verankert sein.

"Facebook-Revolution"

Am 27. Jänner 2018 zogen 250 aufgebrachte Bürger unter dem Banner "Colère 24", dem Namen ihrer Facebook-Gruppe, durch die mittelalterlichen Straßen von Périgueux, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten und Benzinsteuer zu protestieren. Von der Dordogne nahm die Bewegung der gilets jaunes - das Erkennungszeichen trugen bei dem Protest in Périgueux nur einige wenige Demonstrationsteilnehmer - Fahrt auf und erstarkte zu einer landesweiten Protestbewegung.

Facebook avancierte zeitweise zum Revolutionsfernsehen, weil Live-Videos von Protesten vor Ort viral gingen und die ungefilterte Version der Wirklichkeit zeigten. Staatspräsident Emmanuel Macron, ein ehemaliger Rothschild-Banker, der Frankreich zu einer Start-up-Nation verschlanken wollte, musste dem Druck der Straße nachgeben und als Zugeständnis an die Protestbewegung den Mindestlohn erhöhen.

Der Informations- und Kommunikationswissenschafter Olivier Ertzscheid hat die These aufgestellt, dass die antifiskalische Fronde, die landesweit jede zweite Radarstation demolierte und selbst vor der Zerstörung von Denkmälern und Kunstwerken nicht zurückschreckte, von Facebooks Algorithmen angefacht wurde. Die zeitliche Koinzidenz zwischen der Newsfeed-Modifikation und dem exponentiellen Mitglieder-Wachstum der Facebook-Gruppen indiziere einen Kausalzusammenhang. War Facebook der Geburtshelfer der Gelbwesten?