Digitalfirmen als Teilchenbeschleuniger, die die soziale Kernspaltung vorantreiben. - © apa/afp/D. Charlet
Digitalfirmen als Teilchenbeschleuniger, die die soziale Kernspaltung vorantreiben. - © apa/afp/D. Charlet

Die These scheint auf den ersten Blick plausibel, weil Facebook in der Vergangenheit schon häufiger eine zentrale Rolle in politischen Konflikten spielte. So hat das soziale Netzwerk durch die halbherzige Bekämpfung von Hasskommentaren und Gewaltaufrufen in Myanmar die Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya befeuert. Der Arabische Frühling wurde von Chronisten als "Facebook-Revolution" apostrophiert - damals war in öffentlichen Diskussion noch nicht von russischen Troll-Fabriken und Fake News die Rede.

Die dezentrale Struktur der Gelbwesten-Bewegung, die ohne Anführer und politisches Programm auskommt und sich aus lokalen Organisationskomitees konstituiert, weist Ähnlichkeiten zur Webart der Facebook-Communitys auf. Die Gelbwesten verwahren sich jedoch gegen das Etikett der "Facebook-Revolution" - sie wollen einen US-Konzern nicht mit den Weihen der Revolution ausstatten (möglicherweise schwingt in dem revolutionären Gestus auch ein Anti-Amerikanismus mit). Selbst wenn das soziale Netzwerk kein Revolutionshelfer war, so war es doch ein Trendverstärker, indem Algorithmen die sozialen und kulturellen Ungleichheiten zwischen dem Zentrum und der Peripherie schärfer akzentuierten.

Algorithmen sind die Motoren und Vektoren politischer Bewegungen: Sie entscheiden nicht nur, was der Einzelne auf seinem Bildschirm sieht, sondern wohin und wie kraftvoll sich die Masse bewegt. Was sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle abspielt, ist eine Revolution der Geschwindigkeit: Jedes Mal, wenn der Nutzer auf Facebook eine Aktion durchführt - Gruppe beitreten, Like-Button anklicken oder kommentieren -, werden Daten mit Beinahe-Lichtgeschwindigkeit (300.000 km/s) über Glasfaserleitung über den Atlantik an US-Serverfarmen übertragen. Aufgrund von Modellberechnungen werden dem Nutzer dann maßgeschneiderte Beiträge in seinem Newsfeed ausgespielt. Das, worüber man in der Öffentlichkeit wochenlang, manchmal monatelang diskutiert, wurde in Bruchteilen von Sekunden berechnet. Daraus resultiert möglicherweise das Gefühl, dass sich alles immer schneller dreht, aber gesellschaftspolitisch alles stillsteht.

Bewegte Daten

Dass in amerikanischen Rechen- und Kontrollzentren das Debattenklima in Europa und großen Teilen der Welt reguliert und die politische Agenda mitgesteuert wird, könnte man an sich als manipulative Einflussnahme auf das politische System werten, das in seiner Subtilität über die Soft Power (Joseph Nye), also die Fähigkeit, die Präferenzen von Bürgern anderer Staaten durch Kultur oder Sport zu ändern, weit hinausgeht. Es geht hier aber nicht um die potenziell souveränitätsgefährdenden Mechanismen demokratischer Willensbildung, die sich am Backend von Serverfarmen abspielt, sondern um den politischen Modus.