Anti-Regierungs-Demonstration der "Gelbwesten" in Bourges im Jänner 2019. - © AFP
Anti-Regierungs-Demonstration der "Gelbwesten" in Bourges im Jänner 2019. - © AFP

Man kann diese Idee der Statik auch auf Facebook übertragen, wo zwar das Bild nie stillsteht, die rasenden Bewegtbilder aber auf statischen Modellen beruhen, die eine gewisse Serialität und Wiederholbarkeit von Abläufen unterstellen. An die Stelle des Standbilds tritt der Stream. Ein Simulakrum, das simuliert, dass jeden Moment irgendetwas passiert, obwohl nichts geschieht. Facebook gleicht einem Hometrainer mit Fahrsimulator: Man klickt, liked, teilt und kommentiert, man strampelt sich ab, und man sieht auf seinem persönlichen Bildschirm, dass man mit seiner physischen Bewegung etwas bewegt, ohne selbst seinen - geografischen wie politischen - Standpunkt zu verändern. Allein, in dieser egozentrischen Politmechanik ist man mehr ein Datenbewegter als ein politisch Bewegter. Alles dreht sich um die eigene Achse.

Algorithmen kennen die politischen Präferenzen, und sie berechnen im Voraus, welche Freunde, Seiten und Gruppen am ehesten mit diesen korrespondieren. Gewiss, man sollte das digitale Subjekt nicht eilfertig zum willfährigen Empfänger von Programmierbefehlen herabstufen und ihm jedwede Autonomie absprechen. Doch in der digitalen Gesellschaft werden politische Diskussionen "initialisiert" und am "Laufen" gehalten, indem Datenpakete binnen Bruchteilen von Sekunden über den Globus gejagt werden.

Rasender Stillstand

Womöglich verweist die Bewegung der Gelbwesten aber nicht bloß auf einen Strukturdefekt im politischen System Frankreichs, sondern auch auf einen im algorithmischen System Facebooks: Dass sich der Protest auf nationaler Ebene weder kulturell noch politisch repräsentiert fühlt, liegt ja auch daran, dass diese Dimension algorithmisch wegreguliert wurde. Den cri d’alarme aus den Nachbar-Communitys, dass die eigene Stimme in Paris nichts gelte, hörte man in den Echokammern umso lauter. Facebook wurde zum Kristallisationskern einer politischen Entwicklung, die es selbst induziert hat. Darin offenbart sich einmal mehr die Zirkularität kybernetischer Ordnungen.

In den lokalen Facebook-Gruppen der gilets jaunes werden immer dieselben ermüdenden Live-Videos defilierender Protestierender eingestellt, sodass man den Eindruck gewinnt, die Bewegung trete politisch auf der Stelle. Es hat fast schon etwas Simulatorisches, wie die Demonstranten im Gleichschritt immer wieder in einem kontinuierlichen Feedback-Loop auf der Straße laufen.

War der Protest der Gelbwesten möglicherweise ein Bug (= Fehlverhalten von Computerprogrammen) im Betriebssystem von Facebook? Wären die Leute auf die Straßen gegangen, hätte Facebook in den Landeseinstellungen "nationale" Posts priorisiert? Vielleicht haben die Sozialingenieure ein solches Modell bereits simuliert und aufgrund etwaiger destabilisierender Effekte für das eigene Geschäftsmodell identifiziert, weil sich gelangweilte Nutzer dann abwenden. Aber solange der Stillstand weiter rast, verdient der Konzern immer noch ein paar Werbedollar mehr.