Ein stiller, zurückhaltender, teilweise sogar schüchterner Mensch, der stets freundlich, ausgeglichen und ruhig wirkt. "Helle Augen, rotblond gescheitelte Haare, stilles Lächeln, ein sanfter, ruhiger Duktus in einer angenehmen Therapeutenstimme. Relotius ist jemand, der nicht viel Aufhebens um sich macht, der lieber zuhört, als selbst zu reden." So beschreibt der Journalist und Autor Juan Moreno in seinem Buch "Tausend Zeilen Lüge" seinen ehemaligen Kollegen Claas Relotius.

Die Krise einer Branche

Jenen Relotius, der vom neuen Stern am Journalistenhimmel, ausgezeichnet mit unzähligen Preisen, zum enttarnten Lügner wird, der nicht nur den "Spiegel" in seine größte Krise stürzte, sondern den Journalismus in seiner Gesamtheit erschütterte.

"Tausend Zeilen Lüge" ist die Aufarbeitung des "Falls Relotius" aus Sicht eines freien Journalisten, der mit dem gefeierten Star eine gemeinsame Reportage schreibt und nach und nach auf immer mehr Ungereimtheiten stößt. Moreno schafft es tatsächlich, dass es keine Anklage wird, kein Heldenepos über den Aufdecker, keine schonungslose Abrechnung mit dem Journalismus der heutigen Zeit, sondern ein Buch, das das Undenkbare beschreibt, Fehler im System aufzeigt und sich dabei leicht und spannend, wie ein Krimi liest. Wie konnte es so weit kommen? Warum musste Claas Relotius lügen? Und was erwartet man von Reportern, die oftmals unterbezahlt und unter Druck preiswürdige Artikel abliefern sollen? Wo ist die Grenze zum tagtäglichen Storytelling und wo setzt die journalistische Ethik Grenzen? Moreno schreibt kein Lehrbuch, gibt keine dogmatischen Anweisungen und Anleitungen für Jung- oder auch Alt-Journalisten. Er zeigt vielmehr auf, wie schwer es sein kann, einfach nur seine journalistische Arbeit zu machen.

Der Ausgangspunkt des Buches ist die gemeinsame Arbeit von Relotius und Moreno an der "Spiegel"-Reportage "Jaegers Grenze". Moreno recherchiert mitten im Flüchtlingszug Richtung mexikanische-US-amerikanische Grenze. Relotius porträtiert eine Bürgerwehr in den USA, die sich den Flüchtlingen entgegenstellen will. Von Anfang an, scheint klar, dass Claas Relotius das Vertrauen seines Chefs genießt und damit auch der federführende Journalist der Reportage ist. Er soll am Ende zusammenfügen, was die Leser bewegen soll. Moreno bekommt vom "Spiegel" sehr genaue Anweisungen, was er zu suchen und zu beschreiben hat. Relotius schafft, einmal mehr, Außergewöhnliches: Er kann innerhalb kurzer Zeit eine Bürgerwehrgruppe finden, diese begleiten, wird in die dunkelsten Kapitel eingeweiht und schafft, wieder einmal, was anderen nicht gelungen ist - eine bewegende, sprachlos machende Geschichte zu erzählen. Im Rückblick stellten sich so viele Reportagen aus seiner Feder als Fälschungen heraus, dass selbst Münchhausen in Ehrfurcht erstarren müsste.

Wer die Schuld trägt

Das Problem im Journalismus ist, kurz zusammengefasst und natürlich nicht überall: dass Journalisten ihre Jobs nicht mehr gut machen (können), die Konsumenten nicht bereit sind, den realen Preis des Produkts (Zeitung) zu zahlen (wer weiß denn wirklich, was ein Exemplar einer Zeitung kostet?), Verleger an Gewinnmaximierung denken und die Abgrenzung zu Werbeartikeln und Storytelling nicht mehr gelingt. Und zu guter Letzt wird auch von Unternehmen keine Werbung mehr geschalten, und somit bricht ein System in sich zusammen. Eingedenk dieser Umstände erscheint Relotius wie ein Retter einer Branche. Er liefert die Geschichte, für die man Geld zu bezahlen bereit ist, fördert den Ruf eines Mediums, das daraufhin Inserate generieren kann. Er stand für die Rettung und für die Aufrechterhaltung eines alten Systems.

Juan Moreno beschreibt, wie er zu recherchieren beginnt, wie er sich in den Fall verbeißt, wie er, der am kürzesten Ast sitzt, nicht aufgeben kann und immer wieder Rückschläge einstecken muss. Bis zur letzten Seite ist das Buch ein lesenswertes Erlebnis. Und doch steht bereits ziemlich am Anfang der wesentliche Satz des Buches. Die Conclusio. Das eine Element, das Relotius am besten skizziert. Als Claas Relotius schon ein prämierter Jungjournalist ist, bietet man ihm beim "Spiegel" eine fixe Stelle an - was laut Moreno noch nie abgelehnt wurde und wovon man als deutscher Journalist träumt. Relotius lehnt ab. Bittet um Verständnis. Seine Erklärung: Seine jüngere Schwester, die er sehr liebe, sei an Krebs erkrankt und er müsse sich um sie kümmern. Vielleicht könne man das Angebot später noch einmal wiederholen. Alle haben Verständnis und beim zweiten Mal nimmt Relotius das Angebot an - doch er hat gar keine Schwester.

Das Buch wird im Übrigen ins Kino kommen. Michael "Bully" Herbig wird dabei Regie führen.