Der Fall Relotius war nicht nur für den "Spiegel" ein Imageschaden. - © APAweb, dpa, Kay Nietfeld
Der Fall Relotius war nicht nur für den "Spiegel" ein Imageschaden. - © APAweb, dpa, Kay Nietfeld

Ein stiller, zurückhaltender, teilweise sogar schüchterner Mensch, der stets freundlich, ausgeglichen und ruhig wirkt. "Helle Augen, rotblond gescheitelte Haare, stilles Lächeln, ein sanfter, ruhiger Duktus in einer angenehmen Therapeutenstimme. Relotius ist jemand, der nicht viel Aufhebens um sich macht, der lieber zuhört, als selbst zu reden." So beschreibt der Journalist und Autor Juan Moreno in seinem Buch "Tausend Zeilen Lüge" seinen ehemaligen Kollegen Claas Relotius.

Die Krise einer Branche

Jenen Relotius, der vom neuen Stern am Journalistenhimmel, ausgezeichnet mit unzähligen Preisen, zum enttarnten Lügner wird, der nicht nur den "Spiegel" in seine größte Krise stürzte, sondern den Journalismus in seiner Gesamtheit erschütterte.

Claas Relotius, Sinnbild eines Journalismus in der Krise. - © afp/Dueren
Claas Relotius, Sinnbild eines Journalismus in der Krise. - © afp/Dueren

"Tausend Zeilen Lüge" ist die Aufarbeitung des "Falls Relotius" aus Sicht eines freien Journalisten, der mit dem gefeierten Star eine gemeinsame Reportage schreibt und nach und nach auf immer mehr Ungereimtheiten stößt. Moreno schafft es tatsächlich, dass es keine Anklage wird, kein Heldenepos über den Aufdecker, keine schonungslose Abrechnung mit dem Journalismus der heutigen Zeit, sondern ein Buch, das das Undenkbare beschreibt, Fehler im System aufzeigt und sich dabei leicht und spannend, wie ein Krimi liest. Wie konnte es so weit kommen? Warum musste Claas Relotius lügen? Und was erwartet man von Reportern, die oftmals unterbezahlt und unter Druck preiswürdige Artikel abliefern sollen? Wo ist die Grenze zum tagtäglichen Storytelling und wo setzt die journalistische Ethik Grenzen? Moreno schreibt kein Lehrbuch, gibt keine dogmatischen Anweisungen und Anleitungen für Jung- oder auch Alt-Journalisten. Er zeigt vielmehr auf, wie schwer es sein kann, einfach nur seine journalistische Arbeit zu machen.

Der Ausgangspunkt des Buches ist die gemeinsame Arbeit von Relotius und Moreno an der "Spiegel"-Reportage "Jaegers Grenze". Moreno recherchiert mitten im Flüchtlingszug Richtung mexikanische-US-amerikanische Grenze. Relotius porträtiert eine Bürgerwehr in den USA, die sich den Flüchtlingen entgegenstellen will. Von Anfang an, scheint klar, dass Claas Relotius das Vertrauen seines Chefs genießt und damit auch der federführende Journalist der Reportage ist. Er soll am Ende zusammenfügen, was die Leser bewegen soll. Moreno bekommt vom "Spiegel" sehr genaue Anweisungen, was er zu suchen und zu beschreiben hat. Relotius schafft, einmal mehr, Außergewöhnliches: Er kann innerhalb kurzer Zeit eine Bürgerwehrgruppe finden, diese begleiten, wird in die dunkelsten Kapitel eingeweiht und schafft, wieder einmal, was anderen nicht gelungen ist - eine bewegende, sprachlos machende Geschichte zu erzählen. Im Rückblick stellten sich so viele Reportagen aus seiner Feder als Fälschungen heraus, dass selbst Münchhausen in Ehrfurcht erstarren müsste.