Pfiat Gott beinand!" Nach 200 Folgen "Klingendes Österreich" verabschiedet sich ORF-Urgestein Sepp Forcher in den Ruhestand. 33 Jahre lang befand er sich auf Streifzug durch österreichische und Südtiroler Volksmusik und Brauchtümer. Da liegen Überlegungen zum Heimatbegriff nicht fern: "Heimat kann man nicht besitzen. Heimat kriegt man geliehen", sagt er etwa in einem Interview mit Ö1 und unterstreicht damit, wie fluide und fragil das Konzept Heimat ist. Ob Sehnsuchtsort oder fester Anker, mit geografischen Koordinaten ausmachbar oder an den Menschen, bei denen man sich wohlfühlt, bemessen, ist der Begriff so vielfältig wie emotional aufgeladen. Gerade deshalb eignet er sich wohl auch so gut zur politischen Instrumentalisierung. Das Identifikationsspektrum reicht dabei von einem offenen Miteinander bis zur Blut-und-Boden-Ideologie. Für Forcher ist aber klar: "Parteiprogramm und Heimat passen selten zusammen. Bei keiner Partei."

Er wurde als Sohn Südtiroler Eltern in Rom geboren. Aufgrund des Hitler-Mussolini-Abkommens, nach dem die Südtiroler 1939 wählen mussten, ob sie italienische Staatsbürger blieben oder ins Deutsche Reich auswanderten, entschied sich die Familie wie damals 86 Prozent aller Südtiroler für Zweiteres. In Tiroler Gemeinden baute man ab 1940 sogenannte Südtiroler Siedlungen, wie etwa auch in Telfs. Diese wird heute sukzessive abgerissen, um neuen Wohnraum zu schaffen. Im Sommer 2019 dienten ihre Reste als Kulisse für Felix Mitterers Stück "Verkaufte Heimat. Das Gedächtnis der Häuser" (Fr., 21.50, ORFIII), das die Geschehnisse rund um die "Option in Südtirol" thematisiert und die weitreichenden Konsequenzen der Instrumentalisierung des Heimatbegriffs vor Augen führt.

"Heimat großer Töchter und Söhne", lautet die Zeile der österreichischen Bundeshymne, die manche Gemüter in holterdipolternde Schnappatmung versetzt, als hätte man ihnen das letzte Stück vom Kuchen stibitzt. An ihrem Wahrheitsgehalt ändert das aber nichts. Wie jedes Land weist auch Österreich eine lange Liste an Menschen auf, die Herausragendes geschaffen haben. Und die endet keineswegs mit Mozart oder Sisi. Auch in der Gegenwart zeichnen sich viele durch besondere Leistungen aus. Die Doku-Serie "Heimat großer Töchter und Söhne" (Sa., 22.40, ORF2) begibt sich auf die Suche nach Menschen, die abseits vom großen landesweiten Ruhm Außergewöhnliches bewerkstelligen, und findet sie etwa in einer aufstrebenden Läuferin, einer Initiatorin einer Hospizbewegung oder dem Gründer des Vereins "Austrian Doctors".

Für viele ist die inoffizielle Hymne aber ohnehin nicht die klassisch getragene, sondern die persönliche Liebeserklärung eines Apfels, der seinen Stamm besingt: "I Am From Austria" sagt Rainhard Fendrich am End’ der Welt voller Stolz, und wenn’s sein muss auch mutterseelenallein. Muss es aber nicht, denn von Partykellern bis in die Bierzelte grölt man in Österreich dabei nur allzu gerne chorisch mit. Da liegt es auf der Hand, dass das Jukebox-Musical "I am from Austria" im Wiener Raimund Theater (So., 20.15, ORFIII) großen Anklang findet. Zwischen Fendrich-Hits wie "Macho Macho", "Es lebe der Sport" oder "Weus’d a Herz hast wia a Bergwerk" rankt sich die Handlung um Emma Carter (Iréna Flury), einen Hollywoodstar mit österreichischen Wurzeln, der für den Opernball ins Land der Berge zurückkehrt.

In der österreichischen Musikindustrie beweist allen voran Hubert Goisern immer wieder, dass Heimatverbundenheit und Weltoffenheit sich nicht ausschließen. Im Gegenteil: Sein Alpenrock verbindet härtere, treibende Klänge mit Elementen aus der traditionellen Volksmusik. Nicht nur in seinen Texten äußert er sich dabei auch immer wieder politisch und gesellschaftskritisch. Die Dokumentation "Hubert von Goisern - Brenna tuat’s schon lang" (Fr., 20.15, ORFIII) wirft einen Blick auf die verschiedenen Facetten, die sein Schaffen ausmachen. Und natürlich kommt dabei auch seine mitreißende Musik nicht zu kurz.

Was ist also Heimat? Ein Land? Ein Ort? Oder ein gemütlicher Nachmittag mit lieben Menschen? Ist es Zustand, Gefühl oder doch nur idealisiertes Konstrukt? Eine eindeutige Definition ist nicht in Sicht, vielleicht aber auch obsolet, hat doch jeder eine ganz eigene Vorstellung davon, wie und wo man sich dann wirklich heimisch fühlt.