Das letzte Foto mit der großen Welle: Viele Anwender übersehen die Gefahren von Selfies. - © Getty Images/afp/Kat Wade
Das letzte Foto mit der großen Welle: Viele Anwender übersehen die Gefahren von Selfies. - © Getty Images/afp/Kat Wade

Das Foto zeigt drei blonde Frauen auf einem Bahngleis. Sie lachen in die Kamera, die Haare wehen im Wind. Drei Sekunden später sind sie tot. Erfasst von einem Zug, den sie nicht kommen sahen, weil sie in die Kamera blickten. Der Schnappschuss, den sie in Sozialen Netzwerken teilen wollten (dort ist das Train-Track-Selfie zu einem eigenen Genre avanciert), dokumentiert auf sehr verstörende und tragische Weise die letzten Sekunden im Leben der jungen Frauen. Zwei sind sofort tot, die dritte stirbt wenige Tage später im Krankenhaus.

Es ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen kommen beim Versuch, ein Selfie zu machen, ums Leben. Auf Wikipedia gibt es eine lange Liste von tragischen Unfällen. Die Opfer stürzen von Felsklippen, Hochhausdächern oder Balkonen, ertrinken in Seen und Flüssen oder werden von wilden Tieren attackiert.

Auf YouTube gibt es ganze Collagen, die die letzten Momente im Leben der verunglückten Menschen zeigen. Wäre es nicht so zynisch, könnte man sagen, hier entstehe ein neues Genre: die Prä-Mortem-Fotografie. Laut einer Studie starben im Zeitraum zwischen Oktober 2011 und November 2017 weltweit 259 beim Versuch, einen Schnappschuss von sich machen. Die größten Opferzahlen entfallen auf die USA, Russland, Pakistan und Indien. Das Phänomen hat inzwischen einen Namen: death by selfie, Tod durch Selfie. Oder einfach nur schlicht: Kilfie. Das Bild, das tötet. In Indien sind erst jüngst vier Menschen in einem Fluss ertrunken, als sie ein Familienfoto machen wollten. Die Behörden sind alarmiert: In Goa wurden mehrere No-Selfie-Zonen eingerichtet, in Russland und Japan hängen an Bahnhöfen Hinweisschilder, die vor dem Gebrauch von Selfie-Sticks warnen. Indische Forscher haben sogar einen Algorithmus entwickelt, der anhand der Fotoalben eine Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der das nächste Foto das letzte sein könnte. "Ist unser Leben bloß ein Foto wert?", fragte der "Guardian". Wegen eines waghalsigen Selfies auf einem Luxusschiff hat eine Reederei einer Frau lebenslanges Kreuzfahrt-Verbot erteilt. Die Passagierin habe auf "leichtsinnige und gefährliche" Weise außen vor dem Balkongeländer ihrer Kabine für ein Foto posiert, zitierte die "New York Times" aus einem Statement der Kreuzfahrtgesellschaft Royal Caribbean.

Der YouTuber Grant Thompson filmte sogar seinen eigenen Tod, als er mit einem Motorschirm in einer Sandwüste von Utah abstürzte (das Unfallvideo wurde allerdings nicht veröffentlicht). In Australien gibt es mittlerweile sogar Lebensversicherungen, die solche Risiken absichern. Die Frage ist, warum sich Menschen solchen Gefahren auszusetzen, warum man unbedingt ein Selfie mit einer Kobra oder einem Bison machen muss. Ist es die schiere Abenteuerlust, der ultimative Kick, sich vor einem herannahenden Zug zu inszenieren?