Da macht man einmal einen blöden Fehler, und schon büßt man ihn bis in die Ewigkeit. Im Jahr 371 sollen einige Gänse Martin von Tours durch lautes Geschnatter verraten haben, als er sich vor der Ernennung zum Bischof drücken wollte. Ein Sündenfall, den noch Gänsegenerationen nach ihnen immer wieder ausbaden müssen.

Im Herbst nimmt man deftig Rache an ihnen, indem man sie ins Rohr steckt, mit Rotkraut und Knödeln anrichtet und als Martinigans serviert. Gehalten hat sich diese Tradition wohl nicht unbedingt wegen eines unnatürlich lange überdauernden Grolls auf argloses Federvieh, sondern freilich eher aus kulinarischen Gründen. Für viele hat das Ganslessen und alles drum herum ohnehin kaum mehr religiösen Beigeschmack. Das wäre sicherlich auch Martin von Tours nicht unrecht, war es doch in der Legende seine Bescheidenheit, die ihn überhaupt erst in den Gänsestall brachte. Aber stimmt das überhaupt? Wer war er eigentlich wirklich?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Dokumentation "Sankt Martin - Soldat, Asket, Menschenfreund" (So., 13.20, Arte) ausführlich. Immerhin gilt er als Europas wohl bekanntester Heiliger. Er ist der Nationalheilige Frankreichs und der Slowakei; allein in Frankreich sind 3600 Kirchen nach ihm benannt. Zentral für den Personenkult um Martin von Tours ist vor allem die Geschichte der Mantelteilung: Das Bild des Soldaten hoch zu Ross, der seinen Mantel mit seinem Schwert entzweit, um ihn mit einem Bettler zu teilen, macht ihn zur Ikone der Barmherzigkeit. Das entspricht auch dem Bild, das sein Biograf Sulpicius Severus von ihm entworfen hat: Prophet, Apostel, Wunderheiler - ein Soldat, der so überzeugt ist von Christentum, dass er eine geistliche Laufbahn einschlägt und schließlich zum ersten Heiligen der Christenheit wird, der keinen Märtyrertod starb. Die Dokumentation versucht, den historischen Martin von der Folie der Verklärung loszulösen und in den Kontext seiner Zeit zu stellen.

Mit der Legendenbildung geht wie so oft auch ein Portfolio an Brauchtümern einher, womit sich eine Ausgabe von "Hoagascht" (So., 19.45, ServusTV) genauer beschäftigt. Am weitesten verbreitet sind die Laternenumzüge, bei denen Groß und vor allem Klein mit selbst gebastelten Laternen durch die dunklen Straßen ziehen - sie gehen mit ihrer Laterne und ihre Laterne mit ihnen. Daneben gibt es aber etwa im Lungau auch das Kasmandlgehen, wenn Kinder sich am Vorabend zu Martini verkleiden und von Haus zu Haus ziehen, Gedichte vortragen und Lieder singen. Ursprünglich steht das aber nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit der Heiligenverehrung: Das Kasmandl ist den Volksüberlieferungen nach eigentlich ein kleines, graues, verrunzeltes Männchen, das im Sommer in den Bergen lebt. Wenn die Senner dann im Herbst ins Tal zurückkehren, geht das Kasmandl von Almhütte zu Almhütte und sucht nach zurückgelassenen Vorräten. Besonders starke Verbundenheit mit Martin von Tours herrscht natürlich im Burgenland, ist der doch sein Landespatron. Beim sogenannten Martiniloben stößt man auf ihn an und verkostet den Jungwein.

Die Martinigans im Speziellen sieht sich "Erlebnis Österreich" (Sa., 16.30, ORFIII) noch etwas genauer an. Für eine südburgenländische Gemeinde war die Gans eine Zeitlang sogar Werbe-Testimonial. In manchen Breiten lebten früher angeblich mehr Gänse als Menschen: "Bei uns in Frauenkirchen haben Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 4000 Menschen gelebt und 20.000 Gänse", sagt Gemüsebauer Erich Stekovics im Falstaff. Nach und nach wurde es aber wieder ruhig um das schnatternde Federvieh, bis sich die Tourismussaison schließlich auf den goldenen Herbst ausweitete.

Mittlerweile steht die Zeit um Martini und in Richtung Weihnachten im Burgenland wieder ganz im Zeichen der heimischen Weidegans. Dorottya Kelemen und Michael Ritter begeben sich auf ihre Spuren und unternehmen zusammen eine Reise durch herbstliche Landwirtschaft und Kulinarik. Danach besucht "Unterwegs in Österreich" (Sa., 17.00, ORFIII) das Federvieh im ganzen Land - von Graugänsen im Almtal bis zu Enten und Hühnern. Welche Arten leben bei uns, wer muss Federn lassen und wofür? Die Flügeltiere sind so facettenreich wie das heimische Brauchtum.