Gleich in der ersten Folge der neuen Serie "The Morning Show" lässt Apple eine Nebenfigur eine Art Predigt auf das Fernsehen halten. "In zwei Jahren sind wir alle über die Klippe gesprungen. Die Tech-Konzerne werden uns aufkaufen", sagt der TV-Manager zum Talk-Show-Producer. Man kann den kurzen Dialog durchaus als programmatische Erklärung auffassen. Denn der Tech-Konzern Apple steigt mit seinem neuen Streaming-Dienst "Apple tv+" in das Rennen um das Erbe des klassischen linearen Fernsehens ein. Denn dieses hängt längst in den Seilen, auch wenn man sich in mehr oder weniger fiktiven guten Markanteilszahlen selbst Mut macht: 53 Prozent der TV-Zuseher streamen bereits. Tendenz steigend. Denn das Angebot wird immer größer, professioneller und schlicht besser.

Apple liefert mit "tv+", seit einigen Tagen auch bei uns freigeschaltet, seinen Beitrag zu der Entwicklung. Wobei man auf eine andere Strategie setzt als Marktprimus Netflix, das eine schier unüberblickbare Anzahl an Filmen, Serien und Dokus in seiner Library hat. Die Neo-TV-Macher aus Cupertino haben sich für eine Strategie des edlen Feinkostladens entschieden und haben erst mal rund ein Dutzend neuer, durchaus stark besetzter Eigenproduktionen am Start. Weniger ist mehr, ist die Devise. Der fein austarierte (und ganz sicher marktforschungsgestützte) Preis von 4,99 Euro pro Monat (die erste Woche ist kostenlos) ist genau richtig: nicht unverschämt aber auch nicht zu billig für das Angebot.

Eine Welt ohne Sehsinn porträtiert das Apokalyptik-Mystery "See". - © Apple
Eine Welt ohne Sehsinn porträtiert das Apokalyptik-Mystery "See". - © Apple

Der erste Eindruck zeigt ein paar echte Highlights, die Apple ins Rennen schickt. An vorderster Front dabei läuft sicherlich "The Morning Show" mit Superstar Jennifer Aniston. Die "Friends"-Ikone gibt die hyperventilierende Morgenshow-Legende Alex, der ihr Moderationspartner Mitch (Steve Carell) von immerhin 15 Jahren aufgrund einer MeToo-Geschichte abhandenkommt. Nun muss die PR-Krise gemeistert werden und es bleibt die große Frage: Wer soll den beliebten Moderator ersetzen? Wird sich Alex halten können oder sägt Bradley Jackson (Reese Witherspoon) schon an ihrem Drehstuhl? Ein gelungener Start freilich, aber da muss noch mehr kommen.

Die Russen waren schon da

In "See" hingegen tut sich eine postapokalyptische Welt auf: Die Menschheit hat nach einer globalen Katastrophe das Augenlicht verloren. Viele Generationen lang kommen nur blinde Menschen auf die Welt. Dass es einst so etwas wie Sehen gab, ist nur noch ein Mythos. Bis eines Tages Zwillinge geboren werden, die wieder sehen können. Jason Momoa ("Game of Thrones") tut als Stammesführer alles, um seine Gruppe vor den Hexenjägern der bösen Königin zu beschützen. Eine starke narrative Welt und ein toller Cast reichen bei dieser Serie vorerst aber noch nicht aus, um den Funken zum Überspringen zu bringen.

In "For All Mankind" versucht sich "Star-Trek-DS9"- und "Outlander"-Producer Ronald D. Moore an einer Geschichte in einer parallelen Realität. In diesem Universum haben die Russen das Rennen zum Mond gewonnen, was die Amerikaner dazu treibt, sich so richtig ins Zeug zu legen und noch viel weiter entfernte Ziele anzustreben. Der durchwegs sympathische Cast kommt ohne Headliner aus. Die auf zehn Episoden angelegte Serie hat definitiv Potenzial.

Literaturfans wird "Dickinson" begeistern. Die Serie dreht sich um die junge, herrlich unangepasste Autorin Emily Dickinson (Hailee Steinfeld), die so gar nicht in ihre Zeit passen will. Denn die Comedy-Dickinson ist ein Millennial mit den für diese Generation typischen Anpassungsproblemen. Weiters auf dem Speisezettel: die Kids-Show "Helpsters," "Snoopy in Space" und "Ghostwriter". Als Vorgeschmack auf weitere Dokus wurde "The Elephant Queen" freigeschaltet. Ob "Oprah’s Book Club" mit der in Europa dem breiten Publikum nahezu unbekannten Talk-Queen Oprah Winfrey die Zuschauer hierzulande vom Hocker reißen wird, ist fraglich. In Summe muss man wohl aufgrund der geringen Auswahl von einem halbherzigen Versuch sprechen.

Apple protokolliert mit

Denn: Apple ist zwar Erster, der Start von Disney steht, zumindest in den USA, unmittelbar bevor. Der Start im deutschsprachigen Raum wurde am Donnerstag mit Ende März 2020 fixiert -das ist natürlich viel zu spät. Es steht zu befürchten, dass Disney mit dieser zögerlichen Haltung dem illegalen Streaming Tür und Tor öffnet. Dass Apple es sich laut "Heise" zudem nicht nehmen lässt, das Nutzerverhalten im Detail zu speichern, macht den neuen Dienst auch nicht gerade sympathisch.