Am Tag berührt ein durchschnittlicher Nutzer sein Smartphone 2617 Mal, haben Forscher festgestellt. Wir wissen, dass die ständige Erreichbarkeit Stress verursacht, dass das LED-Licht schlecht für unsere Augen ist, dass Handy-Strahlung die Gesundheit gefährdet, dass die die Smartphone-Nutzung das Gehirn verändert. Und doch tun wir es immer wieder. Minute für Minute. Smartphone-Sucht ist eine ernst zu nehmende Gefahr, vor der nicht nur Alarmisten, sondern auch seriöse Mediziner warnen.

Mitten in diese kollektive Reizüberflutung hat Google nun die Nachricht platziert, dass es ein neues Gerät entwickelt habe: ein Papier-Handy (Paper Phone). Die Meldung ist kein Witz. Das personalisierte Paper Phone besteht aus nicht mehr als einer Seite Papier, die man dreimal auf DIN-A7-Format faltet. Darauf: ein Kalender, Kontakte, eine To-Do-Liste, ein Stadtplan (von Google Maps), eine leere Seite für Notizen, die Wettervorhersage sowie ein Fach für die Kreditkarte. "Ein Papier-Phone kann die meisten Dinge, die ein Smartphone kann. Aber es lenkt Sie nicht so ab", heißt es in dem Werbeclip.

Digitales Wohlbefinden

Zugegeben: Ganz analog funktioniert auch das Papier-Handy nicht. Man benötigt eine Smartphone-App, um sich das Papier auszudrucken. Trotzdem bietet es einige Handy-Funktionen wie Kalender oder Navigation. "Es soll Leuten eine alternative Lösung zum täglichen Herumtragen eines Handys geben, indem es Informationen bietet, die auf einem gedruckten Stück Papier sind", sagte Emma Turpin, Teamleiterin bei Google Creative Labs. Das Paper Phone ist Teil von Googles Initiative Digital Wellbeing (zu Deutsch: Digitales Wohlbefinden), die versucht, Nutzer zu einem selbstbestimmteren Smartphone-Gebrauch zu animieren. So gibt es neben dem papiernen Handy eine Reihe von Experimenten wie zum Beispiel die Unlock Clock, die auf einem schwarzen Wallpaper die Zahl der Entsperrungen anzeigt. Mit Desert Island lassen sich für 24 Stunden bestimmte Funktionen sperren oder essenzielle Nutzungen einrichten, die man auf eine virtuelle Insel mitnehmen würde.

Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet jene Akteure der Aufmerksamkeitsökonomie, die mit der Inbesitznahme von Zeitkonten Milliarden verdienen, nun ein tugendhaft preußisch-calvinistisches Zeitmanagement predigen und ihre zeitraubenden Dienste als Breitbandtherapeutikum gegen das spätmoderne Gefühl der Gereiztheit vermarkten. Es wirkt ein wenig so, als würde ein Automobilbauer einen Dienst für Kutschfahrten starten. Softwareunternehmen sind wegen der suchtfördernden Wirkung ihrer Dienste zuletzt stark in Kritik geraten. Die Apps seien so designt, dass sie mit Belohnungsmechanismen an den Dopamin-Rezeptoren im Gehirn andocken und abhängig machen, heißt es. Laut einer Untersuchung der Analysefirma BroadbandSearch verbringt ein Mensch mit einer Lebenserwartung von 72 Jahren durchschnittlich sechs Jahre und acht Monate mit Social Media.