Im Jahr 2015 schickten die damals 29-jährigen US-Amerikaner David Fuentes und Matthew Cowan eine Facebook-Nachricht an einen Bekannten. Der Inhalt: drei Emojis. Ein Faust-, ein Zeigefinger- sowie ein Krankenwagen-Symbol. Die unmissverständliche Botschaft: "Wir schlagen dich krankenhausreif!" Für eine Drohung braucht es keine Worte mehr, es genügen Symbole. Kurz darauf wurden die beiden Männer von der Polizei verhaftet und von einem Gericht wegen Stalkings zu einer Haftstrafe verurteilt. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand wegen der Verwendung von Emojis bestraft wird. Im Jänner 2015 war ein 17-Jähriger in New York von der Polizei verhaftet worden, nachdem er in einem Facebook-Post ein Pistolen-Emoji auf ein Polizisten-Piktogramm richtete. Die Richter sahen darin einen Aufruf zu Gewalt.

Emojis befassen immer häufiger die Gerichte. So wurde 2016 ein Mann im französischen Pierrelatte von einem Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt, nachdem er seiner Ex-Freundin ein Pistolen-Emoji geschickt hatte. Die Richter werteten das Symbol als Drohung. Auch in anderen Fällen sorgen die Symbole für Ärger. Der US-Rechtswissenschafter Eric Goldman hat in einer empirischen Untersuchung herausgefunden, dass die Zahl der Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Emojis regelrecht explodiert ist. Waren es 2014 noch fünf Fälle, die vor US-Gerichten verhandelt wurden, ist die Zahl 2018 auf 53 gestiegen.

- © Illustrationen: stock.adobe/sudowoodo/Irina Mir
© Illustrationen: stock.adobe/sudowoodo/Irina Mir

Emojis gelten als neue Weltsprache: Jeden Tag werden auf der Welt sechs Milliarden Emojis verschickt. Dass sich darunter auch Justiziables findet, ist angesichts der schieren Menge logisch. Das Problem ist nur, dass die Zeichen Richter vor Auslegungsprobleme stellen. Juristen verstehen sich vor allem auf Worte. Buchstaben sind ihre Elemente. Visuelle Sinneinheiten wie Piktogramme sind jedoch eine relativ junge Entwicklung der Sprache, auf die das Recht kaum Antworten hat. Daher muss man die Gesetze neu auslegen. Ist die Flasche mit knallendem Korken-Emoji eine Willenserklärung, mit der man einen Vertrag besiegelt (ein Gericht in Israel hatte diese Frage zu klären)? Erfüllt ein Pistolen-Emoji den Tatbestand der Drohung? Ist ein Lippenstift-Emoji eine suggestive Anzüglichkeit oder eine sexuelle Belästigung? Das hängt wesentlich vom Kontext, aber auch vom Gebrauch der Symbole ab. So ist das Pfirsich-Emoji in der Alltagssprache beispielsweise als weiblicher Po codiert und wird häufig beim Sexting, also beim verruchten Texten, verwendet. In jüngster Zeit wird es auch als Symbol für das Impeachment-Verfahren gegen US-Präsident Donald Trump gebraucht, weil Pfirsich auf Englisch "peach" bedeutet. Was zeigt, wie Worte und Symbole in der Kommunikationspraxis verschränkt werden.

- © Illustrationen: stock.adobe/sudowoodo/Irina Mir
© Illustrationen: stock.adobe/sudowoodo/Irina Mir