Selten kommt es vor, dass sich Kritiker regelrecht wünschen, dass eine Serie nicht schlecht ist. Bei "Babylon Berlin" war das so. Die opulente Verfilmung der Krimireihe von Volker Kutscher wurde als bisher teuerste deutsche Fernsehproduktion - so ambitioniert, dass sich Abosender Sky und die deutsche öffentlich-rechtliche ARD die Kosten teilten - besonders scheel beäugt. Aber nach wenigen Minuten war klar: Die Serie ist nicht weniger als eine Sensation. In mehr als hundert Länder wurde sie verkauft. Nach zwei Jahren Wartezeit geht die Zeitreise ins Berlin der ausgehenden 1920er Jahre nun weiter. Zurück in die Rote Burg, das damalige Polizeipräsidium, zurück ins Moka Efti, das Vergnügungslokal, zurück in ein Berlin, in dem eine verzweifelte Nachkriegsausgelassenheit kontrastierte mit bitterer Armut und in der die ersten Vorläufer des Naziterrors beginnen.

"Berlin zu der Zeit - eben ohne das Wissen, was da noch auf die Menschen wartet - das war ein Schmelztiegel , da war alles möglich, da war Musik, Sex, Tanz, Berlin war ein verruchter, aufregender Ort. Da durften noch Arm und Reich zusammen feiern, so hat man im Moka Efti zumindest das Gefühl.", erklärt Trystan Pütter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Pütter ist neu im Ensemble, er spielt Hans Litten. Diese Figur findet man - wie viele andere - nicht im diesmal zugrunde liegenden Roman "Der stumme Tod". "Das ist eine real existierende Figur. Ein deutscher Anwalt, der die Rote Hilfe gegründet hat, eine Vereinigung, die sich ehrenamtlich für Mittellose, Arbeiter und Kommunisten vor Gericht eingesetzt hat. Er war außerdem der Einzige, der Adolf Hitler vor Gericht gebracht hat. (Er rief Hitler 1931 im sogenannten Edenpalast-Prozess als Zeugen auf, Litten wollte die Systematik des Terrors der Nationalsozialisten aufzeigen. Er starb nach langer Folter 1938 im KZ Dachau, Anm.) Diese ikonische Figur haben die Autoren in die Bücher eingeführt, weil sie es wichtig fanden, diese Geschichte zu erzählen. Es bricht einem das Herz, wenn man weiß, wie dieser Mann geendet ist, was er für ein durch und durch sozialer, rechtschaffener, engagierter Mann war und wie er dann im KZ zu Tode gekommen ist."

Volker Bruch und Trystan Pütter. - © Frédéric Batier X Filme Creative Pool, ARD Degeto, WDR, SKY, Beta Film 2019
Volker Bruch und Trystan Pütter. - © Frédéric Batier X Filme Creative Pool, ARD Degeto, WDR, SKY, Beta Film 2019

Die Verschränkung von packender Krimihandlung (diesmal führt sie in die Welt des Stumm- beziehungsweise des beginnenden Tonfilms) mit der beiläufigen Vermittlung von geschichtlicher Entwicklung ist eine besondere Stärke der Romane sowie auch der Serie. Das beeindruckt auch Volker Bruch, der die Hauptrolle des Polizisten Gereon Rath spielt: "Da ist immer etwas, das mitschwelt, von dem wir wissen, wo es hinführt, im Gegensatz zu den Figuren. Man erkennt auch Zusammenhänge: Was das für Bausteine sind, die da zu Geschichte werden, das ist schon sehr spannend. Die Finanzkrise im Oktober 1929 ist so ein hochpolitischer Baustein. Alles, was ab jetzt passieren wird, also dann in der vierten Staffel, wird seinen Anfang in der Finanzkrise haben. Und auch die war ja nicht der Anfang, die war auch erst gewachsen."