In den falschen Händen wird auch ein Bleistift eine tödliche Waffe. Das mag stimmen, bedeutet aber selten eine akute Bedrohung für eine größere Gruppe an Menschen. Zudem muss man auch davon ausgehen, dass nicht jeder Mensch mit einem Stift in der Hand selbigen als Mordinstrument einsetzen will.

Ganz anders sieht es hingegen in jenen Bereichen aus, die im Graubereich zwischen innovativer Disruption und bei "missbräuchlicher Verwendung zum Nachteil der Menschheit einsetzbar" zu kategorisieren sind. Bekannteste Beispiele sind hier Atomwaffen und chemische Kampfstoffe. Das große Dilemma im Bereich der Informationstechnologie liegt nun auch darin, dass Innovationen ungleich schneller in den Markt drängen als in anderen Bereichen. Der Gesetzgeber wiederum ist seiner proaktiven Lenkungsfunktion längst enthoben und strauchelt im reaktiven Nachbessern gesetzlicher Regelungen und Bestimmungen. Erschwerend kommt hinzu, dass es gerade bei computergestützten Entwicklungen keine Ländergrenzen mehr gibt und internationale Verträge noch länger auf sich warten lassen.

Was aber sind denn nun eigentlich die "gefährlichsten Technologien", deren Einsatz gesetzlicher Regelungen bedarf? Ganz aktuell ist dabei das Thema "Gesichtserkennung". Die Europäische Kommission geht in Bezug auf künstliche Intelligenz (KI) eine strengere Linie als die Vereinigten Staaten ein, um die bestehenden Vorschriften in Bezug auf Datenschutz und Datenrechte zu stärken. In einem veröffentlichten Vorschlag zum Thema ist ein bis zu fünfjähriges Moratorium für den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien in öffentlichen Bereichen vorgesehen, um der EU Zeit zu geben, um zu erarbeiten, wie Missbräuche verhindert werden können. Der EU-Vorschlag für ein vorübergehendes Verbot der Gesichtserkennungstechnologie sorgte bei internationalen Konzernen schon für Reaktionen. Der Chef von Alphabet (dem Mutterkonzern von Google), Sundar Pichai, unterstützte die EU-Pläne, während es von Seiten des Microsoft-Präsidenten Brad Smith Kritik an den Überlegungen gab. Während Pichai die Möglichkeit, dass die Technologie für ruchlose Zwecke verwendet werden könnte, als Grund für ein Moratorium anführte, sagte Smith, ein Verbot sei mit der Verwendung eines Fleischbeils anstelle eines Skalpells vergleichbar, um mögliche Probleme zu lösen.

Weichenstellen mit Skalpell

"Es liegt an den Regierungen, die Weichen für den Einsatz dieser Technologie zu stellen." Auf jeden Fall müsse Gesichtserkennung zu den Technologien auf Basis künstlicher Intelligenz gehören, die priorisiert reguliert werden, so Pichai, der auch bekräftigte, dass Google seit Jahren bewusst darauf verzichte, die Fähigkeit zur Gesichtserkennung als Dienstleistung anzubieten - "weil uns bewusst wurde, dass es eine Technologie voller Risiken ist". Brad Smith von Microsoft verweist auf die Vorteile der Gesichtserkennungstechnologie in einigen Fällen, etwa bei Nichtregierungsorganisationen, die sie zur Suche nach vermissten Kindern einsetzen. "Ich zögere, es wirklich zu sagen, dass wir die Menschen davon abhalten sollen, Technologie so einzusetzen, dass Familien wieder zusammengeführt werden, wenn dies ihnen dabei helfen kann", sagte Smith. "Das Zweite, was ich sagen würde, ist, dass Sie es nicht verbieten, wenn Sie tatsächlich glauben, dass es eine vernünftige Alternative gibt, mit der wir dieses Problem beispielsweise mit einem Skalpell anstelle eines Fleischbeils angehen können", sagte er. Smith meint, es sei wichtig, zuerst Probleme zu identifizieren und dann Regeln zu erstellen, um sicherzustellen, dass die Technologie nicht für die Massenüberwachung verwendet wird. "Letztendlich gibt es nur einen Weg, die Technologie zu verbessern, nämlich sie zu nutzen", sagte er.