Die Journalistin Nena Schink (28) gehört eigentlich der Generation Instagram an. Nachdem sie für ein Jugendportal im Selbsttest in die Welt der Influencer eintauchte, wurde sie aber zur Kritikerin der Social-Media-Plattform. Jetzt hat sie mit "Unfollow" ein Buch, erschienen bei Eden Books, darüber geschrieben.

"Wiener Zeitung": Was genau macht Instagram so gefährlich?

Nena Schink: Laut der Royal Society for Public Health macht es süchtiger als Zigaretten und Alkohol zusammen. Die App ist darauf programmiert, dass wir möglichst lange dranbleiben, ständig Bilder liken und selbst Likes bekommen. Ich habe studiert, war mit 23 in einer Unternehmensberatung tätig, bin Wirtschaftsjournalistin und habe trotzdem für Instagram meine Zähne weißer und mich selbst dünner gemacht, mich auf einer Wassermelonen-Luftmatratze in Szene gesetzt. Das ist der Moment, wo man das eigene Nutzerverhalten hinterfragen muss.

Wie lange ging Ihr Experiment, selbst Influencerin zu werden?

Circa drei Monate. Nach wenigen Wochen stieg die Zahl meiner Follower von ungefähr 300 auf 2450 an. Danach habe ich mir die erste Kooperation selbst besorgt, wie das die meisten Influencer so machen. Eine Firma hat mir eine Handtasche um 700 Euro nach Hause geschickt. Was mich verwundert hat: Die haben nie nachgefragt, ob ich was gepostet habe. Nach dem Experiment habe ich allerdings weitergemacht, ich dachte, Instagram sei gut, um meine journalistische Arbeit zu zeigen.

Die perfekte Welt auf Instagram weckt in vielen von uns Neid. Wie problematisch ist das?

Wir haben uns immer schon verglichen. Nur konkurrieren wir heute mit einer Fassade, einer digitalen Lüge. Die Influencer sehen in der Realität nicht immer perfekt aus. Auf Instagram schon. Sie sind top gestylt, ihre Haut ist mit Filtern optimiert und manche stehen um fünf Uhr auf, um Fotos von einem menschenleeren Strand zu machen. Wir werden irgendwann mit unserem eigenen Leben unglücklich, das nicht so aussieht. Deswegen war es mir so wichtig, in meinem Buch den Influencern die Maske runterzureißen und zu zeigen, wie Instagram unser Selbstwertgefühl vermindert.

Auch uns Journalisten wird oft vorgeworfen, wir wären neidisch auf Influencer . . .

Ich war mal mit einer Influencerin unterwegs, da meinte ihr Freund, dass wir Journalisten eifersüchtig wären, weil wir keine Luxushandtaschen geschenkt bekommen. Stimmt, wir Journalisten unterliegen Compliance-Regeln. Das ist wichtig und richtig, denn unser Job ist nicht zu applaudieren, sondern zu kritisieren. Ich finde es gefährlich, wenn wir Journalisten uns nicht trauen, die Dauerwerbesendung der Influencer zu hinterfragen oder warum für sie eigentlich keine Compliance-Regeln gelten.

Nach Ihrem Selbsttest und Ihren Recherchen für das Buch zweifeln Sie heute die Daseinsberechtigung von Influencern stark an . . .

Influencern ist es, dank der Erfindung von Instagram, erfolgreich gelungen, ihre eigene Relevanz zu suggerieren - ohne ein besonderes Talent zu haben oder gar ein Experte in einem bestimmten Gebiet zu sein. Warum die Prominenz der Influencer nicht stärker hinterfragt wird, macht mich nach wie vor sprachlos.

Auf diese Prominenz setzen aber heute viele Marken, um ihre Produkte zu bewerben . . .

Das Problem ist, dass auch den Marken hier etwas suggeriert wird. Wenn Leonie Hanne etwas von LaMer bewirbt, kann sich das sicher kaum einer ihrer Follower leisten. Außerdem finden diese Marken, dass diese Frauen Vorbilder sind. Früher waren Role Models eine Jane Birkin oder Grace Kelly, Fabelwesen, denen man nacheifern wollte. Influencern will ich nicht nacheifern. Man sollte mal beleuchten, wie viel wegen Influencern nicht gekauft wird.

Wie würden Sie den Job eines Influencers eigentlich beschreiben?

Influencer sind Litfaßsäulen. Sie wissen das und deswegen wollen sie ja immer, dass man "Unternehmer" schreibt, so wie Caro Daur. Sie sieht sich als Unternehmerin, bloß weil sie Kooperationen an Land zieht. Unternehmer ist für mich aber jemand, der Verantwortung trägt für Menschen, für Gehälter, für Jobs. Wenn ich lese, dass Cathy Hummels eine Unternehmerin ist, dann muss ich mich totlachen.

Warum bezeichnen sich Influencer mittlerweile selbst nicht mehr gerne als Influencer?

Ich persönlich denke, dass sie selbst wissen, dass ihr Geschäftsmodell nur so lange funktioniert, wie es die App gibt. Denn wenn sich niemand mehr für ihre Beiträge interessieren würde, wäre ihr Instagram-Profil wertlos. Ihr Geschäftsmodell: dahin. Deswegen versuchen sie zu suggerieren, dass sie auch außerhalb der Instagram-Welt einen Nutzen haben. Ein gutes Beispiel ist Ricardo Simonetti.

Inwiefern?

Er will jetzt kein Blogger mehr sein, sondern Entertainer, weil er schon ein paar Shows moderiert hat. Für mich ist jemand wie Thomas Gottschalk ein Entertainer, der das von der Pike auf gelernt hat. Vielleicht ist Simonetti ja talentiert, aber es war ihm wohl zu mühsam, sich hochzuarbeiten. Wenn du bei einem Fernsehsender als Praktikant sagst, dass du vor die Kamera willst, kannst du die nächsten drei Jahre mal kopieren gehen. Influencer wollen die Abkürzung nehmen, um Jobs wie Journalist oder Moderator zu machen. Aber erst die eigene Marke aufbauen und dann einen Job ergreifen, ist genau der falsche Weg.

Sind Influencer heute nicht auch die neue Generation der Stars?

Instagram adelt die Trash-Stars und das ist ein riesiges Problem. Aufmerksamkeit zählt in unserer Generation mehr als Qualität. Der Unterschied zwischen einer Cathy Hummels und einem Star ist, nach meiner Definition, dass sie nur berühmt ist, weil sie ihr Privatleben rigoros ausschlachtet. Sie zeigt sich ja sogar mit Herpes krank im Bett. Beeindruckend ist doch, wie leise die wahren Stars auf Instagram agieren, wie Beyonce oder Julia Roberts. Letztere hat gerade mal 168 Posts.

Caro Daur wollte dem "Manager Magazin" keine Fragen zu ihrem Verdienst beantworten. Warum reden Influencer so ungerne über Geld?

Influencer müssen weiterhin suggerieren, dass sie nahbar und authentisch sind und noch irgendetwas mit deinem Leben zu tun haben. Wenn du wüsstest, dass die, denen du folgst, nicht die Mädchen von nebenan sind, sondern mit deiner Aufmerksamkeit Millionen verdienen, dann würdest du ihnen vielleicht entfolgen.

Auf Instagram wird ein veraltetes Frauenbild befeuert. Die erfolgreichsten Influencerinnen präsentieren Schmink- oder Kochtipps, Mode oder ihr Leben als Hausfrau und Mutter. Wie passt das noch in die heutige Zeit?

Eigentlich gar nicht, aber Influencer gehen danach, wofür sie die meisten Likes bekommen. Da geht es schlicht um Angebot und Nachfrage - und davon sind wir alle ein Teil. Hochzeit schlägt auf Instagram jeden Doktortitel und auch Sex sells. Wenn Influencer mit politischen Inhalten mehr Geld kriegen würden als sexy Bloggerinnen, dann würden sie vielleicht auch lieber über Politik berichten.