Jüngsten Berichten in London zufolge plant Premierminister Boris Johnson, die BBC zu zerschlagen. Die den Konservativen nahestehende "Sunday Times" will von "Top-Mitarbeitern" Johnsons erfahren haben, dass die Regierung die größte und renommierteste Rundfunkanstalt der Welt radikal schrumpfen und ihr die finanzielle Basis entziehen will. Angeblich soll die Anstalt gezwungen werden, die meisten ihrer Fernseh- und Radio-Kanäle abzugeben und das Angebot auf ihrer bereits ausgedünnten, aber noch immer weithin populären und gratis nutzbaren Webseite scharf zu reduzieren.

Zugleich soll die "Beeb" keine Fernsehgebühren mehr einziehen dürfen, wie sie das fast hundert Jahre lang getan hat. Stattdessen soll sie sich über Abonnenten finanzieren - wie Sky oder Netflix, also in Konkurrenz zu den kommerziellen Sendern im Land. In ihrem Bericht zitierte die "Sunday Times" ihre Informanten mit den Worten, Johnson bluffe nicht. Man werde die BBC "plattmachen". Nur noch "ganz wenige Fernsehkanäle und ein paar Radioprogramme" sowie "eine massiv beschnittene Online-Präsenz" sollten dem Sender verbleiben.

Heißt es für die britische BBC bald "Bei Fuß!"? Eine geplante Reform soll der Anstalt ans Leder. - © unsplash
Heißt es für die britische BBC bald "Bei Fuß!"? Eine geplante Reform soll der Anstalt ans Leder. - © unsplash

Vermutet wird, dass hinter dem Plan Johnsons Chef-Stratege und De-facto-Stabschef Dominic Cummings steckt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, gegen die "etablierte Ordnung" im Vereinigten Königreich anzugehen. Ein solcher Plan, meinte das Blatt, "würde das Gesicht des ganzen britischen Rundfunks verändern".

"Eine ernste Bedrohung"

Die Nachrichten-Chefin der BBC, Fran Unsworth, sprach gestern von einer "ernsten Bedrohung" des Senders. Vor wenigen Tagen erst hatte der Vorsitzende des BBC-Rundfunkrats, Sir David Clementi, gewarnt, ein Übergang von den Fernsehgebühren zu einem Abo-Modell würde zu dramatischen Einbußen an Geld und Programmen führen und den öffentlich-rechtlichen Auftrag des Senders gefährden "in einem Konkurrenzkampf, bei dem die BBC versuchen müsste, zahlende Zuschauer an sich zu ziehen". Signalisiert hatte Johnson freilich schon eine Weile, dass er in dieser Richtung vorgehen wolle. Derzeit ist als erster Schritt vorgesehen, säumigen oder rebellischen Gebührenzahlern Straffreiheit zu gewähren.

Koordinieren soll den Vorstoß gegen die BBC der frühere Minister für Kultur und Medien, John Whittingdale, ein scharfer Widersacher des Senders. Weil der Regierung die berühmte allmorgendliche BBC-Radiosendung "Today" zu kritisch erscheint, wird sie schon seit Monaten von allen Ministern boykottiert.

ITVs "Good Morning Britain" und "Channel 4 News" fanden sich, zu ihrer Überraschung, vor den Wahlen im Dezember ebenfalls auf die schwarze Liste gesetzt. Generell fürchten britische Medien, dass Johnson sie zunehmend zu kontrollieren oder ins Abseits zu manövrieren sucht.

Kürzlich marschierten politische Berichterstatter im Protest aus der Regierungszentrale aus, als Number 10 begann, eine Auswahl unter den akkreditierten Journalisten zu treffen und unerwünschte Reporter auszuschließen.

Vergleich mit Nordkorea

Auf Unmut ist auch gestoßen, dass Johnson vermehrt von Mitarbeitern gefilmte Video-Botschaften online stellt, statt die großen Rundfunkanstalten einzuschalten und sich deren Fragen zu stellen. Kürzlich meldeten Fotografen-Verbände außerdem alarmiert, dass die Regierungszentrale nun auch mehr mit "offiziellen" Fotos arbeiten und Presse-Fotografen von wichtigen Veranstaltungen fernhalten wolle. Wenn künftig nur noch Bilder "von oben" ausgehändigt würden, die die Regierung in ein günstiges Licht zu rücken suchten, komme einem das "schon ein wenig wie Nordkorea" vor, meinte dazu am Sonntag der Verband der britischen Foto-Redakteure.