Drei an der Zahl sind es. Drei kleine Militärposten, wie sie in der ganzen Stadt zu finden sind, säumen eine Seitenstraße in Doqi, Kairo. Rechts ein grauer Rohbau. Auf der linken Seite sprühen Funken von einer Metalltüre, zwei Kinder schauen den Männern fasziniert beim Schweißbrennen zu. Eine ältere Frau mit violettem Kopftuch und weiter Robe fragt vorsichtig: "Mada Masr?" Mit einem wohlwollenden Blick zeigt sie auf die schwarze, verschnörkelte Türe. Sie trennt das unscheinbar wirkende Gebäude vom Straßenlärm Kairos. Zwei Männer rauchen sitzend im dunklen Erdgeschoss die ägyptische Hausmarke Cleopatra, kurz Kuku genannt.

Ein Lift führt in den sechsten Stock. Zigarettenstummel liegen auf der Stufe. Ein schlichtes Schild hängt rechts neben der Tür. "Mada Masr"; einmal in römischen, einmal in arabischen Schriftzeichen und eine kleine Glocke. Diese läutete am 25. November 2019 Sturm. Niemand hätte es geahnt, aber wer jeden Tag diese Türschwelle übertritt, muss mit allem rechnen. So sagen es die Redakteure und Redakteurinnen, die hier arbeiten.

Sie sind das, was von der freien, unabhängigen Presse in Ägypten übrig geblieben ist. Im Jahre 2013 gegründet, arbeiten heute 35 Journalisten und Journalistinnen für die Nachrichtenplattform Mada Masr, auf deutsch "Die Weite Ägyptens". Angesichts der um sich greifenden Repression gegen unerwünschten investigativen Journalismus, scheinen die, die hier tätig sind, selbst darüber erstaunt, dass sie ihre Arbeit bislang ungehindert ausführen konnten. Das hat sich mit Ende November 2019 geändert, als sie in den Augen des Regimes von General Abdel Fattah al-Sisi eine rote Linie überschritten haben.

Heute ist von den Geschehnissen nichts zu spüren. Die Türen gehen in dem verwinkelten Büro auf und zu. Ein alter Vintagetisch steht neben der Eingangstür. Der abgenutzte Parkettboden knarrt unter dem geschäftigen Treiben. An der Wand hängt rechts ein kleines, eingerahmtes Bild aus Revolutionstagen von 2011. Junge Männer posieren auf Trümmern und hissen die rot-weiß-schwarze ägyptische Flagge; vom Enthusiasmus dieser Tage ist zu Beginn des neuen Jahrzehnts in Kairo nicht viel übrig.

Aus dem Redaktionsraum tönt das Geräusch von tippenden Tasten, er ist an diesem Nachmittag mit etwa zehn Redakteurinnen und Redakteuren gefüllt. Rechts davon führt eine Tür zum Raucherbalkon; dort sitzt ein Mann, gekleidet in eine hellbraune, dicke Weste. Er hat seinen Laptop vor sich, der Kaffee hat sich im Glas gesetzt, er zieht an seiner Zigarette. Der schmächtige Mann namens Shady Zalat, so sagt er, mag diesen Platz hier. Er habe den Eingangsbereich des Gebäudes gut im Blick, alle paar Minuten späht er über die hüfthohe Mauer hinunter. Zu tun hat das mit jenem Tag, als der 37-Jährige im Morgengrauen aus seinem Haus abgeführt wurde. Nicht wissend, ob er in dieses wieder zurückkehren werde.

Subtile Angriffe

Ein paar Tage zuvor wurde in den Redaktionsräumen noch gescherzt. Seitdem Mada Masr den subtilen und weniger subtilen Angriffen des Regimes ausgesetzt ist, pflegen sie einen gewissen Galgenhumor. Jede Geschichte könnte für die Al-Sisi-Administration das Fass zum Überlaufen bringen. Sie publizierten an diesem Tag einen Bericht über Mahmoud al-Sisi, einen der Söhne des Präsidenten. "Es war die sensibelste Geschichte, die wir jemals brachten", erzählt Shadys Kollege Mohamed Hamama zwei Monate später. Namen will er deshalb keine nennen, im Internet steht als Verfasser "die Redaktion".

Sensibel, so sagt Hamama, war sie nicht etwa, weil es die bedeutsamste Geschichte war. Was sie so heikel machte, war ihre persönliche Dimension. Der Sohn Mahmoud al-Sisi war als hoher Beamter im ägyptischen Geheimdienst tätig. Weil er die mediale Kontroverse während der kurzen Protestwelle im September 2019 nicht im Griff gehabt habe - dem ägyptischen Geheimdienst (GIS) gehören etliche Zeitungen und Fernsehkanäle - werde er in die ägyptische Botschaft nach Moskau versetzt. Andernfalls könnte sein wachsender Einfluss seinem Vater nachhaltig schaden.

"Die Geschichte war solide", sagt Hamama. Vier unabhängige Quellen bestätigten die Information; zwei anonyme Informanten waren oder sind selbst im Geheimdienst tätig. Ein Freund wandte sich kurze Zeit später besorgt an Hamama. "Das werden sie euch nicht durchgehen lassen. Darauf müssen sie reagieren." Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wussten: Er hatte Recht.

Am Sonntag, vier Tage nach der Veröffentlichung, versammelte sich die Redaktion um 13 Uhr im Newsroom. Es war ein außerordentliches Treffen. 30 Stunden zuvor hatte es an der Tür von Shady Zalat im frühen Morgengrauen geklopft. Die Beamten erklärten seiner Frau, er werde ins Sicherheitshauptquartier in Gizeh gebracht. Dort kam er allerdings nie an. Niemand wusste, wo er war, oder was in dieser Zeit mit ihm passierte. Oft, so sagt es Hamama, habe sich die Redaktion eine Situation wie diese ausgemalt, denn "wer für Mada arbeitet, setzt sich der Möglichkeit aus, dass so etwas nun mal passieren kann."

In den Stunden, in denen sie um ihren Kollegen bangten, wurde ihre Vorstellungskraft schließlich getestet. Ob sie sich sicher fühlten? "Wir waren überzeugt, dass sie es bei Shady belassen würden." Dass sie meinten, sie hätten es mit seiner Verhaftung geschafft, Mada Masr ausreichend zu schaden. Repressive Gesetze und Schikanen seitens der Regierung ist Mada, seit dem Militärputsch gegen den Muslimbruder Mursi im Jahr 2013, gewohnt.

Nachdem TV-Kanäle und Zeitungen zusehends von staatlichen Institutionen, insbesondere vom Geheimdienst, aufgekauft und infolge gleichgeschaltet wurden - Ägypten darf sich laut Reporter ohne Grenzen auf Platz 163 von 180 in der Rangliste der Pressefreiheit rühmen - wurde auch die Lage von Journalisten im Lande gefährlicher. Mittlerweile sitzen 25 Journalisten und drei Blogger in Haft, viele von ihnen wissen nicht einmal selbst, was ihnen vorgeworfen wird. Und auch nicht, wann und ob sie wieder freikommen werden.

Abgedreht wurde das Nachrichtenportal Mada Masr zwar nicht, auf die Website gelangt man seit 2017 trotzdem nicht; Sie wurde gesperrt und ist seither nur via VPN, Facebook oder sogenannte Mirrorsites abrufbar. "Wir sind sogar vors Gericht gegangen um zu sehen, wer uns blockiert hat", sagt Mohamed Hamama. Gebracht hat das allerdings nichts, bis heute haben sie keine Antworten. "Selbst die National Telecom Regulatory Agency gab an, sie wüssten von nichts."

Ist das Cyber-Crime?

Vor diesem Hintergrund spielen zwei Gesetze eine entscheidende Rolle: 2018 verabschiedete al-Sisi die New-Media-Law. Offiziell soll es der besseren Unterscheidbarkeit von privaten und medialen Inhalten dienen. In der Praxis bedeutet es, dass sich Online-Newsportale registrieren lassen müssen. Gesperrten Seiten, wie jener von Mada Masr, wird es mit diesem Gesetz quasi verunmöglicht, eine Lizenz zu erhalten. Das zweite Gesetz, die Cyber-Crime-Law, richtet sich ebenfalls gezielt gegen die Presse- und Meinungsfreiheit. Sie ermöglicht es den Behörden, Webseiten, die in ihren Augen eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen, sperren zu lassen. Auch der Versuch, diese Seiten aufzurufen, wird seither geahndet.

Eine kleine, weiße Katze springt auf den wackligen Beistelltisch im Büro von Chefredakteurin Lina Attalah; sie hört auf den Namen Mahgub, was im Arabischen "gesperrt" bedeutet. Mohamed Hamama, der seit 2015 bei Mada Masr als Redakteur und Redaktionsleiter arbeitet, nimmt sie auf den Schoß. Bis jetzt kann er nicht wirklich glauben, was ihm und seinen Kolleginnen passiert ist. "So etwas hat es davor in Ägypten noch nicht gegeben", sagt er, "das ist nicht der Staat, den wir gewohnt waren."

Befehl von oben

Am 24. November 2019, als sie gerade im Newsroom über ihren Kollegen Shady sprachen und überlegten, was sie unternehmen könnten, wurde ihre Sitzung unterbrochen. Um 13.30 Uhr stürmten neun bewaffnete Sicherheitsbeamte die Redaktion, beschlagnahmten Laptops und Handys; eine Journalistin konnte gerade noch eine Nachricht versenden - so gelangte die Information auf das Handy ihres Mannes, und später in die internationalen Medien. "Nach einer Stunde war klar, dass sie absolut keinen Plan hatten", sagt Hamama fast scherzend, "und wie sie es zu Ende bringen sollten." Es schien, als müssten die Beamten auf Anweisungen von oben warten.

Diese kamen: Nach drei Stunden wurden Chefredakteurin Lina Attalah, Journalistin Rana Mamdouh und Mohamed Hamama abgeführt. Im Polizeiwagen mit Handschellen aneinander gefesselt, gingen Hamama vor allem seine Frau und seine Katze durch den Kopf. Khalas, dachte er sich, es ist vorbei. Monate in Untersuchungshaft, bis es überhaupt erst zu einem Prozess käme. Er kennt das Prozedere; und die dutzend Fälle von Journalisten, denen das gleiche widerfahren ist.

Als sie nicht bei der Staatsanwaltschaft, sondern auf der Polizeistation landeten, sagte der Sicherheitsbeamte, der den Einsatz zu leiten schien: "Jemand von hoch oben hat entschieden, euch freizulassen." Dem fügte er hinzu: "Ihr solltet dankbar dafür sein." Der Beamte machte auch keinen Hehl daraus, dass er, wenn es nach ihm ginge, die Geschichte anders ausgehen ließe.

"Diese Runde haben wir gewonnen", sagt Mohamed Hamama, bevor er sich Richtung Redaktionsraum verabschiedet. Sie würden keinen Kampf gegen die Regierung führen, "es ist eher ein strategisches Spiel." Er meint: Nach diesem Fiasko würden sie sich nicht so schnell trauen, zum erneuten Angriff gegen Mada Masr zu blasen; zumindest nicht auf diese Weise.