Ein Mensch ohne Smartphone ist wie ein...Ja, was eigentlich? Baum ohne Blätter? Oder Himmel ohne Sterne? Oder einfach glücklich und frei? Wer heutzutage in der Berufswelt und im Privatleben ohne Handy auskommt, der kann eigentlich nur sehr einsam und alleine in einer sehr abgeschotteten Welt leben. Zu fest haben sich die digitalen Assistenten in den Alltag integrieren lassen und zu sehr sind wir von ihnen abhängig geworden. Keinen Geburtstag mehr vergessen, weil überall die Erinnerungen aufscheinen, keine Nummern mehr auswendig wissen müssen, außer man verliert sein Mobiltelefon - dann wird es stressig.

Wer nicht online ist, ist nicht da

Am Display geben sich die Hinweise und Erinnerungen der Apps ein munteres Stell-dich-ein. Draufschauen, wahrnehmen, wegklicken. Ein Vibrieren hier, ein Tönchen dort und schon ist man wieder d’accord mit seiner digitalen Welt. SMS, Nachrichten, E-Mails, WhatsApp und dann noch die sozialen Netzwerke und die Eilt-Meldungen der Medien, ganz schön viel Leben läuft auf einem kleinen Bildschirm vor uns ab. Und dann ist da ja noch das Privatleben - Navigieren und Spielen, Musik hören und Serien schauen. Von jedem Ort und jeder Speise ein Foto machen und teilen. Beim Konzert mit dem Display vor dem Auge die Welt an seinem Lieblingslied teilhaben lassen. Den Wohnungsschlüssel vergisst man mittlerweile häufiger als das Smartphone. Und das Mobiltelefon wird wichtiger als Sex, Freunde und Alkohol (nun ja, immerhin was).

Doch wie wäre es - gerade jetzt, wenn man es mit digitalem Fasten für mehr Achtsamkeit versuchen würde? Einfach einmal das Mobiltelefon weglegen und die Welt wieder bewusst wahrnehmen. Es eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Apropos Perspektive: viele Kinder in den Kinderwägen dieser Welt denken vermutlich der Kopf der Person, die sie durch die Gegend schiebt, gleicht einem schwarzen Rechteck. Und wenn sie selber quengeln, dann bekommen sie ihre eigene mobile Unterhaltungsmaschine. Ein Teufelskreis.

Aber gut, das Mobiltelefon hat natürlich nicht nur negative Seiten, sonst wäre es ja nicht erfolgreich geworden. Aber wenn man sich bewusst aus dem Strudel der Ablenkungen zieht, steigt die Lebensqualität ungleich an. Also dann nichts wie los. Es ist eigentlich sehr einfach, wenn man diszipliniert bleibt. Zunächst einmal alle Benachrichtigungen deaktivieren. Eh nur für ein paar Wochen, oder wenigstens Tage. Nur zum sanften Einstieg. Nichts mehr das aufpoppt, anklopft, vibriert oder läutet. Und wer bislang mit der Ausrede - "Ich schaue nur kurz aufs Handy, es könnte was Wichtiges in der Arbeit passiert sein", arbeitet, dem sei gesagt: Nein. Muss man nicht. Außer es wäre ein Bereitschaftsdienst, dann besser nicht. Oder sie sind ein US-Präsident mit Faible für soziale Netzwerke. Da dies aber eher nicht der Fall sein dürfte, lassen Sie ihr Handy liegen. Schauen Sie den Menschen, die sie lieben in die Augen. Probieren sie doch einmal aus, ob ihre Liebsten wissen, was sie am Teller haben. Könnte ja sein, dass sie es schon länger nicht mehr gesehen haben, was ihnen so vorgesetzt wurde.

Der Sex mit dem Handy

Laut aktuellen Studien gibt es auch Menschen, die ihre Handys beim Sex mit dabei haben. Sie drehen keine Videos. Sie haben nur das Smartphone mit. Nun ja. Vielleicht verpassen sie im Digitalen mehr als in der Realität. Aber schon respektlos. Außer beide sind am Handy... Es gibt auch Apps, die kontrollieren, ob die anderen Apps auch wirklich nichts tun. Und die ihre Bildschirmzeit messen und das Handy abdrehen, wenn diese abgelaufen ist. Ein guter Ratschlag: die brauchen sie nicht. Die digitale Version des Bocks zum Gärtner machen, das ist das nämlich. "Ich schaue nur kurz auf mein Mobiltelefon, weil ich wissen will, ob meine Kontroll-App sagt, dass alles gut ist." Nein, wirklich nicht. Lassen sie es. Wenn sie das nicht können, dann sollten sie aufpassen, vielleicht sind sie schon onlinesüchtig.

Als Internetabhängigkeit, auch Internet- oder Onlinesucht, wird nämlich jenes Phänomen bezeichnet, das Internet übermäßig, das heißt gesundheitsgefährdend, zu nutzen. Im englischen Sprachraum finden sich die Begriffe internet addiction (disorder), pathological internet use und compulsive internet use, also pathologische beziehungsweise zwanghafte Verwendung des Internets, die das Problemfeld besser beschreiben. Das ist im Übrigen schon ein anerkanntes Krankheitsbild, da helfen dann nur härtere Mittel. Es werden verschiedene Bereiche beschrieben, in denen pathologische Internetnutzung auftreten kann: die Palette reicht von Computerspielen (Computerspielabhängigkeit), sexuelle Inhalte und schriftliche Kommunikation wie zum Beispiel E-Mail, Chatten, Teilnahme an Internetforen. Wer onlinesüchtig ist, ist online, um schlechte Erfahrungen, Gefühle oder Stress zu vergessen, zieht sich von Freunden zurück und vernachlässigt Hobbies, denkt dauernd an Games/Onlineaktivitäten und kann sich nicht mehr auf andere Dinge konzentrieren, wird nervös oder aggressiv, wenn man ihn/sie hindert, online zu sein, hat nicht mehr im Griff, wann er/sie abschalten oder ausloggen sollte, spürt gesundheitliche Folgen, etwa Übermüdung als Folge von Schlafmangel, erbringt zunehmend schlechte Leistungen und verneint oder relativiert Probleme, die als Folge der Onlineaktivitäten entstehen. Und? Erkennen sie sich darin wieder?

Es gibt aber Anwendungen, die die Ruhezeiten messen und dann kleine Belohnungen ausspucken. Einen schönen Baum zum Beispiel. Nun denn, schadet nicht, aber wieso sind sie denn eigentlich gerade wieder am Smartphone? Ah, die Kinder sollten sich melden, tun sie nicht. Sie wollten nur mal schauen. Nun denn, rufen sie sie an. Und wenn es ein Notfall ist? Der Handyempfang wird durch das Halten des Endgeräts nicht verstärkt. Es könnte sein, dass es keinen Notfall gibt. Alle glücklich und zufrieden. Einfach so. Ohne Smartphone. Es geht. Man muss es nur wollen.

Ein spezieller Fall sind so genannte Dauerchecker. Sie müssen das Gesagte stets und umgehend und ganz schnell googeln. Doch das bloße Nachschlagen in Wikipedia und Co ist noch kein Beweis für Wissen. Es macht zwischenmenschliche Diskussionen auch nicht viel besser. Außer man hatte es früher mit notorischen Klugscheißern und Rechthabern zu tun. Dann schon.

Die wahren Experten

Die wahren Meisterinnen und Meister sind jene Nutzer, die wissen, wie man sein Smartphone abschalten kann. Die sagen können, warum der Datenschutz wichtig ist und wieso Facebook keine Medien ersetzt. Aber lassen sie bei entsprechenden Diskussionen bitte kein "früher war es besser" oder "damals brauchten wir kein Handy und waren trotzdem glücklich weg. Das macht nicht weiser, höchstens älter. Den Unterschied zwischen sinnvoller Nutzung und stupidem Zeitvertreib erkennen, das wäre mal gut. Und ja, auch Langeweile darf mal sein. Und das betrifft gar nicht nur Adoleszente oder Kinder. Wann kann man heute schon in Ruhe seine Gedanken schweifen lassen und seine Augen entspannen? Augen zu, hinsetzen und tief durchatmen. Ob sie nun digitaler Detox dazu sagen, Meditation oder Zeit für sich selbst. Egal. Einfach ausprobieren.

Entzüge sind nicht einfach, aber es wird. Und wenn sie wirklich sehr hart zu sich selbst sein wollen, lassen sie ihr Ladegerät in der Arbeit. Versuchen sie es. Dann merken sie sehr schnell, wie sich der Akku entleert, wenn sie spielen. Es soll sogar Menschen geben, die ohne Handy Urlaub machen.

In diesem Sinne nutzen sie die Zeit - Carpe diem, wie es in der Zeit lange vor den Mobiltelefonen so hieß. Und erfreuen sie sich am Leben im Realen. Es gibt noch so viel zu entdecken, freuen sie sich darauf.