Wenn man gegenüber einer Felswand steht und ruft, wird ein Echo zurückkommen. So weit, so klar. Mit den sozialen Medien ist die Situation hingegen so: Postet man etwas zu Corona, kommt nicht ein Echo, sondern kommen dutzende zurück. Der Algorithmus erkennt schnell unser Interesse und schaufelt uns zu mit ähnlichen Meldungen. Die Folge ist, dass Twitter, Facebook und Co. gefühlt nur mehr voll mit einem Thema ist: Corona. Da diese Medien vor allem auf Reaktion reagieren, werde jene Meldungen mit den meisten Reaktionen auch am meisten angezeigt. Es entsteht eine Erregungsspirale, aus der es kein einfaches Entkommen gibt, wenn man sich nicht bewusst macht, dass es sich hier nur bedingt um die Realität, sondern um ein Artefakt der Realität handelt.

Das Ausmaß der Lawine ist auch für robuste Naturen kaum mehr handlebar. Kein Wunder, dass Gesundheitsexperten angesichts der Ausbreitung des Coronavirus bereits zu einem zurückhaltenden Medienkonsum auf: Der Biologieprofessor Carl Bergstrom von der Universität Washington rät dazu, sich selbst zu beschränken und die Nachrichten zum Virus nur "zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag" nachzulesen.

"Es kann sonst erschreckende Züge annehmen, und Nutzer können sich von der Flut der Informationen leicht überschwemmt fühlen", betonte er. Übertriebener Medienkonsum könne eine regelrechte "Obsession" werden, warnte Bergstrom. "Derzeit kann niemand mehr das Radio oder Fernsehen anschalten, ohne auf das Coronavirus zu stoßen", sagt auch der französische Arzt und Schriftsteller Michel Cymes, der für den französischen Fernsehsender "France2" selbst mehrere Sondersendungen geleitet hat. Besonders Online-Netzwerke sollten wegen der großen Zahl falscher Angaben gemieden werden, betonte er. Sie hätten sich zu einem echten "Krebsgeschwür für die Gesellschaft" entwickelt.

Nur mehr einmal täglich, dafür bewusst konsumieren klingt nach einem soliden Plan. Man bekommt alles Relevante mit und hat noch immer genug Zeit, die für sich selbst als sinnvoll erkannten Maßnahmen zu treffen. Andererseits macht man sich noch unnötig fertig, weil bereits beim Aufstehen zigfache "Breaking News"-
Alarme angezeigt werden. Jetzt, wo die Seuche in den USA Fuß gefasst hat, steigen auch die US-Netzwerke so richtig ein. Debatten, die bei uns seit zehn Tagen durch sind, werden dort eben erst entdeckt - wieder ein Echo, dem man nur schwer entkommt.

Doch wie regelt man den Strom der Nachrichten auf ein sinnvolles Maß herunter? Zunächst sollte man überlegen, notorischen Apps die Möglichkeit zu entziehen, Push-Nachrichten zu senden (via Einstellungen bei der App die Funktion "Mitteilungen erlauben" deaktivieren). Das macht einen selbst zum Herr des Geschehens. Wenn man CNN oder BBC ansehen will, kann man das zum selbst gewählten Zeitpunkt tun und nicht, wann die App es gut findet.

Facebook und Twitter löschen

Weiters könnte man erwägen, die Apps Facebook und Twitter zumindest für die nächsten Wochen vom Telefon zu löschen. Das mutet vielleicht etwas radikal an, aber beide Systeme kann man auch ganz hervorragend vom Desktop oder am Tablet nützen. Beides hat man aber (zum Glück) nicht auf Schritt und Tritt mit, was den Zugriff schon aufgrund der Gegebenheiten seltener machen wird. Und zwar immer dann, wenn man es wirklich will und nicht, weil einen eine Nachricht dazu auffordert.

Wem das noch nicht reicht, kann erwägen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, zwei Wochen "Digital Detox" zu machen und grundsätzlich ganz bewusst auf das Smartphone zu verzichten. Erreichbar ist man dann mobil nur mehr per Anruf und SMS. Nokia hat dazu seinen Edel-Klassiker 3310 neu aufgelegt. Und wem auf der Toilette dann fad ist, der kann immer noch "Snake" spielen.

Möglicherweise führt uns die Krise um das C-Virus vor Augen, wie fertig wir uns selbst machen. Ja sicher, niemand sollte die Augen verschließen. Aber es ist ein Unterschied, sinnvolle Maßnahmen wie Händewaschen und Menschenmassen meiden zu befolgen oder sich 24 Stunden von Maschinen in die Massenhysterie treiben zu lassen. Vielleicht ist ja diese fundamentale Erkenntnis eine der guten Seiten der Krise.