Während das kollektive Gedächtnis mit dem Stichwort "Dada" und "Dadaismus" noch immer fast ausschließlich Männer - von Hugo Ball, Tristan Tzara, Hans Arp oder John Heartfield, Kurt Schwitters - verbindet, wurden in letzter Zeit mehr und mehr auch die Dadaistinnen der Vergessenheit entrissen, die "mit ihrer Teilnahme aus einer Soiree jene typische vielfältige eklektische, undogmatische, heterogene Mischung machten, die die Dada-Spektakel auszeichnete".

"Gedichte als offene Adern" aus dem Comic "Alles ist DADA - Emmy Ball-Hennings" von Viñas und Lázaro. - © "Alles ist DADA"
"Gedichte als offene Adern" aus dem Comic "Alles ist DADA - Emmy Ball-Hennings" von Viñas und Lázaro. - © "Alles ist DADA"

Der im Vorfeld zum 100-Jahr-Jubiläum des Dadaismus herausgekommene Band "Die Dada - Wie Frauen Dada prägten", stellt die Leistungen zahlreicher Frauen - von Céline Arnauld, Sophie Taeuber, Angelika Hoerle bis Hanna Höch - m Überblick dar und verwandelt erheblich das Gesamtbild einer der grundlegenden Bewegungen der Avantgarde.

Zu den herausragendsten Figuren des Dadaismus, von der es inzwischen mehrere Biografien gibt, gehört die schon 1916 von der Presse als "Stern des Cabarets Voltaire" bezeichnete Diseuse und Schriftstellerin Emmy Hennings (1885 - 1948). In dem bisher umfangreichsten Materialien-Band, "Emmy Hennings Dada", heißt es über sie: "Sie war der einzigartige Mittelpunkt der (Züricher-)Dada-Gruppe, aber ohne Anspruch auf eine Geschichte oder Genealogie zu erheben." Keine Zweifel an Hennings Bedeutung lässt auch der kürzlich erschienene (bio-)grafische Roman "Alles ist DADA - Emmy Ball-Hennings", der seiner Protagonistin den unbescheidenen Satz in den Mund legt: "Wenn Sie heute den Dadaismus verehren und sich an das Cabaret Voltaire erinnern, dann ist das mir, Emmy Ball-Hennings, geborene Emma Maria Cordsen, zu verdanken."

Der Comic der beiden Spanier, Fernando González Viñas (Szenarist) und José Lázaro (Zeichner), erzählt Hennings Lebensgeschichte, wobei die Ich-Erzählerin auch kulturelle und politische Ereignisse kommentiert. Vor dem Hintergrund einer schillernden Persönlichkeit zeichnen die Autoren ein lebendiges Panorama des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Vagabundin auf Abwegen

Das "Cabaret Voltaire" in der Züricher Spiegelgasse 1, von Hugo Ball und Emmy Hennings mit Freunden und Gleichgesinnten im Februar 1916 eröffnet, war der explosive Auftakt einer künstlerisch-literarischen Bewegung, die die Zertrümmerung einer nur noch zum Schein aufrechterhaltenen Zivilisation und Werteordnung in Szene setzte. Auch wenn das Cabaret Voltaire nach einem halben Jahr bereits seine Tore schließen musste, der Funke wurde in die europäischen Städte hinausgetragen.

Zürich 1916 war ein Ventil inmitten des Ersten Weltkriegs, ein Zufluchtsort für Immigranten und Flüchtlinge, und viele von ihnen fanden in den Abenden des Cabarets Voltaire den einzig treffenden Ausdruck zu den Schreckensereignissen außerhalb der Schweiz. Statt "So leben wir, so leben wir" sang Hennings auf der Bühne Balls "Totentanz" mit der gleichen Marschmelodie: "So sterben wir, so sterben wir" und "So morden wir, so morden wir." Während draußen der Weltkrieg wie ein tobender Dämon Europa verwüstete, hielten die Dadaisten diesem martialischen Unternehmen den Spiegel vor und demontierten mit Trommel- und Lautgedichten, mit Balalaika-Musik den letzten Putz einer Scheinordnung. "Wir danken dir, wir danken dir, / Herr Kaiser, für die Gnade."

Für Hennings war das Cabaret Voltaire dennoch nur eine Episode in einem turbulenten Leben, das dieser Comic überzeugend und mitreißend als Epiphanie des Dada darstellt. Schon als Kind träumt Emmy, Tochter eines Seefahrers, von einem Leben abseits der Konvention: "Ich werde Banken ausrauben und Gedichte darüber schreiben." Lange vor Zürich tingelte die gebürtige Flensburgerin mit wechselnden Wanderbühnen durch Europas Städte und später von Tingeltangel zu Tingeltangel - so ein zeitgenössisches Wort für Varietétheater. Hennings lernte die Straße aus allen Blickwinkeln kennen, die Gefahr, den Hunger, die Sexarbeit als Mittel zur Wendung äußerster Not. Ihre Tochter, die sie unterwegs bekommt, wird bei ihrer Großmutter aufwachsen.

Um 1909 gelangt die Vagabundin in Berliner und Münchner Künstlerkreise, wird als Diseuse fatale zur Muse und Geliebten von Literaten, Malern und Revolutionären wie Ferdinand Hardekopf, Rudolf Reinhold Junghans oder Erich Mühsam, bevor sie Hugo Ball kennenlernt, den sie 1920 heiratet.

Haltlos durchs Leben treiben

Ermutigt durch ihr Umfeld, beginnt sie selbst zu schreiben und zeichnen. Ihre ersten Gedichte "Ätherstrophen", "Morfin" ("Wir treiben haltlos durchs Leben", "Hochaufgetürmte Tage stürzen ein") zeugen überdies von ihren Erfahrungen als "Morphinistin", als Drogenabhängige. In ihrem 1919 erschienenen Roman "Gefängnis" (neu bei Wallstein) beschreibt sie mit expressiver Wucht und mit Augenzwinkern ihre traumatischen Aufenthalte in Haftanstalten zwischen 1914 und 1915 - unter anderem wegen Diebstahls -, bevor sie mit Ball in die Schweiz emigriert. Mit ihrem Lebenshintergrund wird sie neben Ball für das Cabaret Voltaire zur treibenden Kraft aus dem Untergrund.

Der vielstimmig inszenierte Comic "Alles ist DADA" lässt die erschütternd-aufregende Zeit des Umbruchs in vielen Zitaten aufblitzen. Wie vielschichtige Landschaften spiegeln die in Schwarzweiß gezeichneten Gesichter, die Hennings‘ lasziv-kecke Selbstinszenierungen ebenso wie ihre melancholisch-pathetischen subtil zum Ausdruck bringen, eine Zeit zwischen Abgrund und Aufbruch.