Ein Konzert ohne Zuhörer oder ein Theaterstück ohne Zuseher, das klingt auf den ersten Blick ziemlich sinnbefreit. Eine Sportveranstaltung ohne Publikum, das kennt man doch irgendwie schon. Ein Geisterspiel ist es dann, bislang meist nur als Strafe für einen Verein oder Verband. Für den erfahrenen Virengeplagten könnte es nun zur Möglichkeit des Absurden kommen - eine Band tritt auf und niemand schaut zu, zumindest nicht vor Ort, dafür aber weltweit über eine Live-Schaltung. Die Fans von Konzertübertragungen hielten sich bislang noch in Grenzen, aber in Zeiten wie diesen, da muss man wohl Kompromisse machen und neue Ideen finden.

Virtuelle Spaziergänge durch Museen sind schon seit geraumer Zeit möglich. Vom Sofa aus in die weite Welt der Ausstellungen und Museen. Durch den Louvre, Schönbrunn oder zur Venus von Willendorf - wohin man will. Die kleine Welt der Quarantäne ermöglicht Reisen an verschiedenste Orte. Und die Verwandtenbesuche über Videotelefonie abzuwickeln, kann manchmal auch die bessere Möglichkeit sein. Und nun muss auch der Kunst- und Kulturbereich reagieren: So unterhält etwa Michael Niavarani seine Fans mit Videos aus dem geschlossenen Kabarett Simpl.

Streamen gegen die Einsamkeit

Die italienische Rocksängerin Gianna Nannini hat für Donnerstag ein Konzert gegen die Corona-Einsamkeit angekündigt, dass sie live aus ihrem Haus in Mailand im Internet übertragen will. "Das Schreckliche an diesem Virus ist die Einsamkeit", schrieb die 65-Jährige am Dienstag im Onlinedienst Instagram. Die italienische Regierung hatte zuvor landesweit Reise- und Versammlungsbeschränkungen verhängt. Sie versprach, ihr Konzert am Donnerstag um 16 Uhr per Livestream zu übertragen. "Wir werden unser Bestes tun, um diese schreckliche Zeit gemeinsam zu überwinden", schrieb Nannini.


James Blunt gibt Elbphilharmonie-Konzert ohne Publikum

Der britische Sänger James Blunt wird wegen des Coronavirus sein Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie am Mittwochabend vor leeren Rängen geben. Mit Rücksicht auf die aktuelle Lage habe man sich entschieden, das Konzert ohne Zuschauer stattfinden zu lassen, teilte die PR-Agentur des Sponsors mit. Das Konzert werde aber als Livestream kostenlos für alle im Internet übertragen.

"Gesundheit und das Sicherheitsbedürfnis des Publikums haben oberste Priorität", hieß es. Die Hamburger Gesundheitsbehörde hatte zuvor angekündigt, alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern zu untersagen. Im großen Saal der Elbphilharmonie finden mehr als 2.000 Menschen Platz.

Das Kreisky Forum sagte sämtliche Veranstaltungen ab, startet ab der kommenden Woche mit einer Video-Reihe namens "Aus Kreiskys Wohnzimmer" mit Interviews, Statements und Gesprächen mit Gästen und Kurator*innen. Der Presseclub Concordia bietet anlässlich des Coronavirus die Durchführung von virtuellen Pressekonferenzen an. "COVID-19 führt zu Vorsicht beim Besuch von Veranstaltungen mit vielen Menschen. Die Concordia ist überzeugt, dass damit keine Einschränkung des öffentlichen Diskurses einhergehen soll", begründete der Presseclub das Angebot in einer Aussendung.

Berliner Staatsoper weicht aufs Internet aus

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden weicht nach der Schließung aller großen Aufführungsstätten in Berlin teilweise auf das Internet aus. Die Vorstellung der Oper "Carmen" mit Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wird am Donnerstag vor leeren Rängen aufgeführt und über die Internet-Plattformen der Staatsoper und des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) kostenlos gestreamt.

Das kündigte Intendant Matthias Schulz am Mittwoch an. Auch im RBB-Hörfunk soll die Vorstellung ausgestrahlt werden. Für die Premiere der Mozart-Oper "Idomeneo" am 22. März mit dem Dirigenten Sir Simon Rattle strebe die Staatsoper eine ähnliche Lösung an. Auch die Festtage der Staatsoper über Ostern, zu der jedes Jahr auch viele Zuschauer aus dem Ausland anreisen, sind betroffen. Die Berliner Philharmoniker wollen ebenfalls Konzerte über das Netz streamen.

Im Theater an der Wien plant man, die "Fidelio"Inszenierung von Christoph Waltz, deren für Montag (16.3.) geplante Premiere abgesagt wurde, dennoch wie geplant im Fernsehen auszustrahlen (20. März, live-zeitversetzt um 21.20 Uhr auf ORF 2).

Auf die Größe kommt es sehr wohl an

Die Krux bei der Sache liegt in der Zahl 100. Warum eigentlich 100? Aber das ist eine andere Frage. Viele kleinere Veranstalter versuchen nun, mit mathematischen Spielereien den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten. Aus kaufmännischer Sicht nachvollziehbar, aber ob 99 Personen weniger zur Verbreitung von Viren beitragen als 100? Man wird abwarten müssen, wann es noch weitere Maßnahmen geben wird. In Japan zeigte sich nämlich, dass die Absage von Großveranstaltungen zu einer Verschiebung der Verbreitungsherde geführt hat - in Richtung: exakt, zu den kleineren Musikclubs. Es gibt Anzeichen dafür, dass auf Livekonzerten im Raum Osaka in Restaurants und winzigen Häusern, in denen Fans dicht gedrängt stehen, das Virus verbreitet worden sei, teilte die lokale Regierung mit. Auch logisch - 500 Menschen im Praterstadion, die über verschiedene Ein- und Ausgänge geleitet werden, sind wohl weniger gefährdet als 99 Besucher auf wenigen Quadratmetern.

Die Lösung und neue Einnahmequellen in Zeiten wie diesen könnten in (kostenpflichtigen) Livestreams liegen. Die Künstler treten auf, ohne Publikum, aber immerhin gibt es Zuseher und eine Gage. Kulturelles Bezahlfernsehen sozusagen. Und wer weiß, nachdem nun das Konzert einer auf die Bühne projizierten Whitney Houston auch abgesagt werden musste, vielleicht wird es in Zukunft vermehrt Konzerte geben, wo die Künstler Brillen aufgesetzt bekommen und vor einem virtuellen Publikum spielen. In Zeiten von Kartenpreisen jenseits der hundert (schon wieder hundert) Euro wäre dies immerhin schonender für die Geldbörse.