Deputy Sheriff Rick Grimes erwacht nach einem wochenlangen Koma in einem versperrten Krankenzimmer. Noch etwas verwirrt befreit er sich und stellt fest, dass nicht nur das Krankenhaus verwüstet ist, sondern auch überall Leichen liegen. Doch zu seinem Entsetzen stellt der Gesetzeshüter fest, dass sich einige von ihnen trotz schwerster Verstümmelungen und eingesetzter Verwesung noch bewegen. Und nicht nur das - sie haben Interesse an ihm: als Nahrung!

Der hier skizzierte Beginn der beliebten Zombie-Serie "The Walking Dead" (TWD) ist ein klassischer Drehbuchstart einer apokalyptischen Endzeiterzählung. Wir kennen ihn auch aus "28 Days Later", wenn Jim (Cillian Murphy) ebenfalls im Krankenbett erwacht und in einer leeren Stadt feststellt, dass ein Virus ausgebrochen ist, das die Menschheit verändert hat. "28 Days Later" ist einer der Klassiker des Genres und war wohl stilprägend für weitere Zombie- und Seuchenfilme. Oscarpreisträger Danny Boyle kann sich zugutehalten, das Genre maßgeblich geprägt zu haben. Auch im Kino-Klassiker "12 Monkeys" war es eine Pandemie, die mehr als fünf Milliarden Menschen getötet hat. Allerdings lässt sich das die Menschheit nicht gefallen und beschließt, James Cole in der Zeit zurückgeschickt, um den Urheber des Virus ausfindig zu machen.

Doch man muss nicht zu den alten Genre-Titanen wie "Resident Evil" (mit Milla Jovovich als Alice) zurückgehen: Gerade die vergangenen Jahre haben eine wahre Fülle an Material zustandegebracht, dass es fast schon zur Normalität werden lässt, dass wir vor einer Katastrophe flüchten müssen. Im australischen Film "Cargo" (Netflix, 2018) ist der britische Star Martin Freeman ("Sherlock", "Der Hobbit") auf der Flucht vor Hunger und Angst. Er versucht, zusammen mit seiner Frau und Tochter einer in Australien ausgebrochenen Pandemie zu entfliehen. Diese Ausnahmesituation stellt ihn und seine Familie vor lebensbedrohliche Herausforderungen.

Plünderungen sind Standard

Aber nicht nur die Meister des Genres haben das Kino geprägt, möglicherweise hat die Fülle an Endzeit-Filmen und Serien auch etwa mit uns selbst gemacht. Denn der eine oder andere hat ganz unweigerlich noch die inszenierten Bilder von Plünderungen im Kopf, wenn er sieht, wie Menschen im Supermarkt palettenweise Dosen an sich raffen. Der wichtige Unterschied zu "The Walking Dead" ist, dass der Mensch an der Kassa noch am Leben ist. Und durchaus Geld zu bezahlen ist.

Beruhigende Sätze wie: "Es ist ja nicht die Zombie-Apokalypse" oder: "Es ist nicht der schwarze Tod " (Karl Habsburg) funktionieren möglicherweise darum nur oberflächlich. Ja, kognitiv ist uns das schon klar. Aber die Bilder, die wir in rauen Mengen im Fernsehen und Kino gesehen haben, kommen jetzt zurück, um uns zu verfolgen.

Denn das Genre Apokalyptik hat einen eingebauten Schönheitsfehler: Wer "The Walking Dead" (TWD) für eine Zombie-Serie hält, hat sie nicht verstanden. Denn die Apokalypse ist nur der Auslöser, der Rahmen dieser erzählten Welt. In Wahrheit geht es so gut wie immer um die Interaktion der Überlebenden miteinander. Die Untoten sind da nur schmückendes Beiwerk. Es sind die Ausnahmesituationen der Menschen, die sich wohl in unser Unterbewusstsein einprägen. Wenn wir Martin Freemans verzweifelten Blick mit dem Baby am Rücken denken, oder die TWD-Szene, in der Bösewicht Negan den vor ihm knieenden Glenn erschlägt: Es sind die Menschen und ihre Situation die uns interessieren, nicht die Untoten. Die stellen nur den Rahmen für das Bild zur Verfügung. In der Regel stirbt eine beliebte Figur an anderen Menschen.

Schuld ist immer die Krankheit

Und genau das setzt die Angst an. Denn als der Ex-Komapatient Rick in TWD die neue Welt erklärt bekommt, in der er soeben erwacht ist, wird ihm das schnell klar: Als Ursache wird eine Krankheit vermutet, mit der sich die Menschen infizierten. Das Informationsnetz ist zusammengebrochen, es gibt keine politischen oder militärischen Strukturen mehr und die wenigen überlebenden Menschen sind auf sich allein gestellt. Es sind letztlich diese Konstrukte, die uns darüber nachdenken lassen, was passiert, wenn Säulen unserer Versorgung zusammenbrechen. Das Stromnetz zum Beispiel, wie im russischen SciFi-Monster "Blackout". Hier geht es andersrum: Ohne Vorwarnung bricht eine unerklärliche Katastrophe über die Menschheit herein und löscht einen Großteil der Erdbevölkerung aus. Nur ein kleines Gebiet in Russland bleibt verschont, Infrastruktur und Stromversorgung sind noch erhalten. Sozusagen als letztes "Gallisches Dorf", das noch Widerstand leistet.

Und ohne Strom auch kein Wasser (Pumpen brauchen Strom). Im TWD-Ableger "Fear the Walking Dead" ist daher folgerichtig auch derjenige der Herrscher über Leben und Tod, der im Chaos die Kontrolle über den Staudamm an sich reißen konnte. Hier stellen sich die Menschen an, um gegen Wertgegenstände und Drogen an Wasser zu bekommen.

Doch nicht nur die Fiction-Produktionen halten das Thema präsent. Auch Netflix selbst hat erst im Jänner eine sechsteilige Doku-Miniserie online gestellt - mit dem vielsagenden Titel "Pandemie: Wie man den Ausbruch verhindert". Eine Dokumentation, die nicht nur Zeugnis über katastrophale Pandemien der Weltgeschichte gibt, soll, wenn es nach Netflix geht, auch eine pädagogische Funktion haben: zeigen, mit welchen Mitteln man verhindert, dass aus tödlichen Viren eine Pandemie entsteht, die viele Menschen das Leben kosten könnte. Am aus Sicht von Netflix sicher hervorragend gewählten Erscheinungstag waren in China bereits 200 Menschen infiziert und sechs am Coronavirus verstorben.

Simpsons liegen falsch

Und so wie bei allen wichtigen Ereignissen der vergangenen zwei Jahrzehnte sollen die "Simpsons" (Staffel 4, Folge 21) die Corona-Epidemie vorausgesagt haben. Doch das stimmt nicht, wenn man die Folge ansieht. Es geht hier um eine erfundene Krise und die Szene nimmt die Verschwörungstheoretiker aufs Korn.

Doch eines haben die meisten Katastrophenfilme gemein: Am Ende siegen dann doch die Guten. Die, die sich nicht entmenschlicht haben und die aller Widrigkeiten zum trotz Werte behalten haben. Nicht umsonst stellt in TWD Rick Menschen, die zu einer Gruppe an Überlebenden dazustoßen wollen, "die drei Fragen", sozusagen der letzte rudimentär verbliebene Regelcode. Sie lauten: "Wie viele Beißer hast du getötet? Wie viele Menschen hast du getötet? Warum?" In der fiktiven Apokalypse ist eben alles relativ.