Ein Löfferl Kokain gehört zur Grundausstattung des ärztlichen Rituals, und zwar am besten mehrmals täglich. Schließlich will das Bewusstsein richtig erweitert sein, wenn die große, eigene Denkschule irgendwann einmal auch von der Konkurrenz ernst genommen werden will. Und da braucht es einen "klaren Kopf". So sieht das zumindest der junge Sigmund Freud, in der ORF-Netflix-Serie "Freud" gespielt von Robert Finster, und inszeniert von Marvin Kren, der sich mit seinen intensiven Arbeiten "Rammbock", "Blutgletscher" oder "4Blocks" vor allem bei Horror- und Genrefilmfans bereits einen sehr guten Namen gemacht hat.

Ihm die Regie dieser Serie zu übertragen, geschah mit Weitblick: Denn der 40-jährige Österreicher beherrscht das große Epos, die Stimmung, die man für solche Geschichten braucht: Eintauchend in das Wien der Jahrhundertwende, sich dem jungen Freud an die Fersen heftet, hat Marvin Kren eine achtteilige Serie mit großer Sogwirkung gedreht, die den Zuschauer direkt ins Herz eines Thrillers im alten k.u.k.-Wien katapultiert. Gleich zu Beginn sind Freuds Drogenkonsum, seine erst in den Kinderschuhen steckenden Theorien und der Mord an einer Prostituierten mit zerschnittenen Genitalien die Themen der Serie. "Es ist ein Stoff, der sicherlich nicht ganz leichtfüßig daherkommt", gesteht Marvin Kren im Gespräch. "Jedoch war mir in diesem Zusammenhang auch wichtig, das Wienerische, das Morbide, aber auch den eigenen Humor abzubilden".

Regisseur und Drehbuchautor Marvin Kren. - © apa/H. Neubauer
Regisseur und Drehbuchautor Marvin Kren. - © apa/H. Neubauer

"Freud" dreht sich um die frühen Jahre des Psychoanalytikers. "Damals war Freud noch nicht im medizinischen Kreis akzeptiert, seine Theorien über das Unbewusste und sein Einsatz von Hypnose wurden belächelt", sagt Kren. Zusammen mit seinem Freund Arthur Schnitzler zieht er darob im Drogenrausch um die Häuser.

Dunkle Ecken und
fiese Charaktere

Kren hat ein regelrechtes Sittenbild des alten Wiens entworfen, aber eines, das so gar nicht in die Klischees der Kaiserzeit passt, sondern in dem es eben auch eine Unterwelt, dunkle Ecken und fiese Charaktere gibt. Dieses Wien hier ist lasterhaft.

"Eine Serie aus dem Vienna Noir", sagt Kren passend dazu. "Man sieht Abgründe." Das merkt der Zuschauer spätestes dann, wenn er den jungen Freud zusammen mit Fleur Salomé (Ella Rumpf) und dem vom Krieg traumatisierten Polizisten Alfred Kiss (Georg Friedrich) dabei beobachtet, wie er im Fin-de-Siècle-Wien zu einem Ermittler in der Aufklärung einer rätselhaften Mordserie wird; es ist kein Biopic, das Kren im Sinn hatte. Und irgendwoher, denkt man sich, muss der Hang zu den tiefen Blicken in die Seelen der Menschen für seine spätere Psychoanalyse ja gekommen sein.

"Freud war Aufklärer und Humanist", sagt Kren. "Einer, der veraltete Herangehensweisen an die Medizin gnadenlos in Frage gestellt hat, wie etwa die Annahme, dass alle psychischen Erkrankungen mit dem Hirn zu tun haben." Freud ist in seinen frühen Jahren ein Zerrissener: Er ist zugleich ehrgeizig und human, kann nicht ohne Drogen und auch nicht ohne Anerkennung.

"Wir erzählen die Geschichte von jemandem, in dem das alles rumort, was ihn später berühmt gemacht hat - er hat davon noch nichts definiert, aufgeschrieben und zu Ende gedacht", sagt Marvin Kren.

Ein besonderes wichtiger Punkt war für den Regisseur die Besetzung der Titelrolle. Mit dem intensiv agierenden Robert Finster hat Kren ein noch eher unbeschriebenes Blatt in die Hauptverantwortung genommen. "Die Besetzung war der Knackpunkt für uns. Mir war wichtig, dass es ein Österreicher ist und dass es ein Schauspieler ist, der noch nicht viele andere Rollen mitbringt, sozusagen noch frisch ist. Ihn zu besetzen, war eine Idee meiner Mutter (die Schauspielerin Brigitte Kren, die ebenfalls in "Freud" mitwirkt, Anm.), die ihn in einem kleinen Theater entdeckte. Er war unser Star, das wussten wir gleich. Er spielte die Rolle ungemein intensiv, hat immer versucht in die Figur und in die Kamera einzudringen. Er hat mit seinem Spiel den Raum verändert", so Kren, der Finster erst einmal bei den Produzenten durchsetzen musste, die eigentlich ein prominenteres Gesicht in der Rolle Freuds sehen wollten. Letztlich aber sahen auch sie ein, dass Finster die richtige Wahl war.

Das kristallisierte sich besonders in der Vorbereitung heraus: "Ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind die Proben mit den Schauspielern. Ich sperre mich mit den Schauspielern ein und wir proben das richtig intensiv. Wir liegen dann am Boden und heulen, weil wir uns in die Figuren einfühlen wollen, das geht nur im probenfreien Raum, nicht am Set, wo du jeden Tag etliche Minuten abdrehen musst", so Kren. "Aber wenn man einmal dort war, wo die Figuren sein sollen, dann funktioniert es, dann kann man es beim Dreh auch abrufen."

Die erste heimische Netflix-Serie, die budgetär sehr ordentlich ausgestattet gewesen sein soll (über Geld darf Kren nicht sprechen), wird nach den acht abgedrehten Folgen keine Fortsetzung erfahren, das gilt als fix. "Wichtig war, die Frühzeit Freuds zu erzählen. Eine weitere Staffel würde sich dann mit Freud inmitten seiner Theorien befassen müssen", so Kren. Und das wäre dann weit weniger mystisch und actionreich als diese düster-grantige Wiener Melange aus Seelenabgründen und brutalen Morden.