Keine Marketingabteilung hätte sich das besser ausdenken können: Just zu dem Zeitpunkt, da ganz Österreich (und Europa) in Corona-Quarantäne liegt, startet der Micky-Maus-Konzern am 24. März seine hauseigene Streaming-Plattform Disney+ unter dem Motto "Kino für Zuhause". Der Starttermin gilt auch für Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, die Schweiz und Irland. Es ist die perfekte Alternative zum linearen Fernsehen, denn Disney hält inzwischen nicht nur die Rechte an den hauseigenen Filmklassikern, zu denen auch sämtliche Disney-Animationsfilme gehören, sondern begab sich in den vergangenen Jahren auch auf eine Einkaufstour, die Disney nicht nur die Rechte an der Star-Wars-Saga bescherte, sondern auch alle Marvel-Abenteuer und zuletzt die riesige Rechte-Bibliothek von MGM und 20th Century Fox, von wo man zum Beispiel alle 30 Staffeln der "Simpsons" übernimmt.

Mit Elsa gegen die Quarantäne-Fadesse. - © Disney
Mit Elsa gegen die Quarantäne-Fadesse. - © Disney

Disneys Ansage "Kino für Zuhause" trifft also vollends zu und bekommt vor dem Hintergrund, dass sämtliche Kinos geschlossen haben, eine ganz eigene Brisanz: Der Kampf zwischen Streaming-Fernsehen und Kinoerlebnis geht schon einige Jahre und ist nun an einem Punkt angelangt, an dem einer der beiden Gegner nicht mehr in den Ring steigen kann. Welche Folgen das langfristig für die Kinobranche haben wird, ist offen.

Schnellere "Eiskönigin"

In den USA, wo Disney+ bereits seit Herbst verfügbar ist, hat Disney jedenfalls blitzschnell auf die Corona-Krise reagiert und seinen Kinderblockbuster "Die Eiskönigin 2" drei Monate früher als geplant auf die Plattform gestellt. Beim Österreich-Start nächste Woche soll der Film ebenfalls bereits verfügbar sein. Man wolle damit für Ablenkung bei den zahllosen Familien sorgen, die wegen des Coronavirus derzeit das Haus nicht verlassen können, teilte Disney mit. Der Film "fessele" sein Publikum, was "in diesen Zeiten unglaublich relevant" sei und man daher erfreut sei, "diese herzerwärmende Geschichte mit Disney+-Kunden frühzeitig zu teilen, damit diese sie zu Hause genießen können". Interessant ist diese Maßnahme jedenfalls schon: Immerhin würgt sich Disney damit den Verwertungsweg über Blu-ray und DVD ab, denn dieser würde ebenfalls mit 24. März starten. Es wäre das erste Mal, dass man auf eine derartige Einnahmequelle verzichtet. Zugleich ist der Absatz der physischen Datenträger ohnehin fraglich, wenn alle entsprechenden Geschäfte geschlossen halten, mit Ausnahme des Online-Handels natürlich.

Tatsache ist, dass bisher kaum ein Streaming-Dienst so sehnlichst erwartet wurde wie Disney+. Neben Amazon Prime Video, Netflix und Co. dürfte Disney+ gerade für Familien das lohnendste Programm-Angebot bereithalten. Zum Start soll es rund 1000 Filme und 350 Serien geben, derzeit kann man zum Monatspreis von 5,99 Euro eine Mitgliedschaft vorbestellen, die später regulär 6,99 Euro kosten wird - und damit deutlich günstiger ist als etwa ein Netflix-Abo, das derzeit bei 7,99 Euro beginnt, dabei aber nur Standard-Bildqualität bietet. Für HD-Qualität mussten die User zuletzt Preiserhöhungen hinnehmen und monatlich mindestens 11,99 hinblättern.

Lockvogel ProSieben

Zum Start lockt Disney mit der "Star Wars"-Franchise: Die Episoden 1 bis 8 können gestreamt werden, weiters kommen die finale Staffel von "Star Wars: The Clone Wars" und die Serie "The Mandalorian" hinzu. Quasi als Lockvogel fungiert hier der Sender Pro Sieben: Zwei Tage vor dem Start von Disney+ läuft die erste Folge von "The Mandalorian" dort als Kostprobe, und zwar am 22. März um 20.15 Uhr.

Für die Konkurrenz am Streaming-Markt dürfte der Start von Disney+ jedenfalls ein deutlich schärferes Marktumfeld bedeuten. Während Amazon mit seinem Dienst vor allem die eigenen Kunden beglückt, weil daran auch die Gratislieferung "Prime" geknüpft ist und somit die Kundenanzahl unverändert bleiben dürfte, sieht die Situation für Platzhirsch Netflix doch anders aus: Der hat zwar 158 Millionen Kunden und zeigt sich von Disney+ unbeeindruckt, jedoch ist das Marketing- und Merchandisingbudget von Disney nicht zu unterschätzen, zumal man dort einige der wertvollsten Franchises der Filmgeschichte im Programm hat. Bei Netflix ist die Fanartikel-Ebene zu seinen Eigenproduktionen noch beinahe unbeackert. Die Schlacht ums Wohnzimmer ist also neu eröffnet, und sie ist für die Unterhaltungsindustrie in Corona-Zeiten vielleicht die wichtigste aller Schlachten.