Am Anfang war alles ganz einfach. Man baut ein Schloss, man tritt einer Allianz bei, kämpft gegen andere und wächst. Manche geben viel Geld aus, andere investieren viel Zeit, und so geht es tagein, tagaus vor sich hin. Dazwischen gilt es immer wieder, Missionen zu erfüllen - sich beim Geldausgeben zurückzuhalten und Spaß zu haben. Eine schnelle Ablenkung, die zwar mehr Zeit kostet, als man denkt, aber keine tiefgehende Sache. So wie es eben ist, bei einem Online-Spiel.

Man wächst zusammen

Im Lauf der Zeit wächst man naturgemäß enger zusammen. Man lernt sich näher kennen, soweit das virtuell und nur schriftlich möglich ist. Man witzelt, manche streiten, andere reimen und wieder andere geben Tipps und Tricks und man diskutiert. Über einen sehr einfachen, sehr beschränkten kleinen Chat, der nebenbei mitläuft. Und doch hat dieser kleine Chat eine enorme Bedeutung bekommen.

- © Gregor Kucera
© Gregor Kucera

Der Anfang der Ausnahmesituation in unserer Kommunikation im Spiel lässt sich im Nachhinein nicht mehr an einem singulären Ereignis festmachen. Es geschah in kleinen Schritten. Zuerst vermeldeten die italienischen Spieler, dass sie unter Quarantäne stünden. Aus Österreich trudelten die Meldungen aus Ischgl ein. Die deutschen Mitspieler wundert sich eigentlich zu diesem Zeitpunkt noch, was da gerade passiert. Aus den anfänglichen Späßen wurde Nachdenklichkeit. Aus den Begrüßungsfloskeln ernst gemeinte Fragen nach der Gesundheit und dem Befinden der Familien und Verwandten.

"Ich muss heute um 2 Uhr Früh losfahren. Hole 20.000 Masken und Beatmungsgeräte aus den umliegenden Kasernen." "Sie haben mich heute gekündigt, keine Kurzarbeit bei uns." "Wisst ihr, ob die Sommerfestivals stattfinden?" Jede Nacht hat man einen Treffpunkt zum Austausch, zum Lachen und zum Nachdenken. Gerade noch war Ressourcensammeln in einer Fantasiewelt wesentlich, jetzt feiert man Schwangerschaften und fiebert den nahenden Entbindungen entgegen - "Ich bin schon nervös, weiß nicht, wie lange ich nach der Geburt im Spital bleiben kann. Derzeit heißt es, keine Besuche."

Jeden Morgen eine Begrüßung, die den Waltons ernsthafte Konkurrenz macht. Das Nachfragen, wenn jemand schon längere Zeit nicht mehr im Spiel war. Die Missionen zwischendurch als Fixpunkte und Erinnerung an eine Normalität, die man vermisst. Struktur durch Computerspielen, wer hätte das gedacht. Und Kommunikation, schriftlich, kurz und knapp. Sie verschwindet auch. Nichts zum Nachlesen und Nachdenken. Aber gut so.

Den ganzen Tag sind wir da und hören zu, als eine Art zusätzliche Gesprächstherapie. Familienstress, Einsamkeit, Probleme mit Partnern und Kindern. Das Leben unter Quarantäne. Und nein, es ist nicht immer todernst. Wer würde das denn aushalten? Wir haben viel Spaß, das tut gut. Ein weltweiter Austausch, nachdenklich, manchmal traurig. Man freut sich über Kinder, die geboren werden, und Freunde, die man gefunden hat. Und wir werden uns treffen - in Köln, in Wien oder wer weiß wo. Sobald es wieder geht. Das muss jetzt sein.