"Helga, ich habe gerade überhaupt keinen Nerv für so was!" Das ist der Satz, den Helga Beimer in ihrer jahrzehntelangen "Lindenstraßen"-Karriere eventuell am öftesten gehört hat. Zumindest in der vorletzten Folge ist er gefallen, ob er es auch in der allerletzten Folge tun wird, weiß man erst kommenden Sonntag um 19.30 Uhr. Dann ist eine der berühmtesten Serien der deutschen Farbfernsehgeschichte nämlich genau das: Geschichte.

Nach erklecklichen 1758 Folgen ist Schluss - die erste Episode war am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt worden. Mit dabei natürlich: Helga Beimer. Sie beziehungsweise ihre Darstellerin Marie-Luise Marjan ist zusammen mit drei anderen der harte Kern dieser Wohngemeinschaft und seit Folge 1 dabei. Da ist noch Helgas Sohn Klaus - oder von treuen Fans der ersten Stunde, da er noch ein süßes Kleinkind war, nach wie vor Klausi genannt - (Moritz A. Sachs), Griechenwirtssohn Vasily Sarikakis (Hermes Hodolides) und Gabi Zenker (Andrea Spatzek), die ihr Scherflein an Schicksalsschlägen mehr als reichlich beigetragen hat. Ihr Sohn wurde entführt und ermordet und ihr erster Mann Benno war der erste HIV-Tote im deutschen Fernsehen.

Das war immer eine Spezialität der "Lindenstraße": Gesellschaftliche Entwicklungen und auch Tabuthemen aufzugreifen. Immerhin der zweite Kuss zwischen zwei Männern der deutschsprachigen TV-Geschichte fand zum Beispiel in der "Lindenstraße" statt - so wie Homosexualität von Anfang an unverkrampft Teil der Erzählung war. Aber auch Rechtsextremismus, Islamismus, Vergewaltigung, Afghanistan-Krieg, Drogensucht, Sekten, Stalking, Sterbehilfe und Leihmutterschaft wurde in der "Lindenstraße" thematisiert - und das ist nur ein kleiner Teil des Spektrums. Man kann sagen, so wie man lieber nicht in Cabot Cove oder Bad Tölz leben will wegen der überdurchschnittlich hohen Mordrate (trotz der Bemühungen von Angela Lansbury und Ottfried Fischer), so würde man im echten Leben einen großen Bogen um die Lindenstraße machen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dort von einem Schicksalsschlag hinterrücks angefallen zu werden, ist da um ein absurdes Vielfaches höher.

Das unmondäne "Dallas"

Aber so funktioniert das Seifenopern-Leben, und das war die "Lindenstraße" eben auch in ihrer ganzen Pionierhaftigkeit: eine Soap, wenn auch eine, die im Unterschied zu "Dallas" oder dem "Denver Clan" lieber auf die ganz normale Spießigkeit setzte. Inklusive einer biestigen Hausmeisterin, der man die Bösartigkeiten in den Mund legen konnte, die sich sonst keiner traute und wie man sie vielleicht aus dem eigenen Wohnhaus kannte (Else Kling, sie ruhe in Frieden). Nach 34 Jahren ließ das Interesse an den bieder-brisanten Begebenheiten in der fiktiven Straße jedoch nach: Die Quoten waren im Keller, der Sender ARD konnte gar nicht anders, als mit einer Einstellung reagieren. Selbst der Fanprotest war ein zu leiser, um hier noch etwas ausrichten zu können. Ein Fixpunkt im Fernsehen, auf den man sich jahrzehntelang verlassen konnte, weniger. Man konnte sich sogar darauf verlassen, dass - trotz viel früherer Dreharbeiten - meist aktuelle Situationen in die Folgen eingebaut wurden. Vergangene Woche etwa ein Nachrichtenbericht über das Coronavirus aus dem Off. Das Virus wiederum macht den Abschied von der "Lindenstraße" ein klein bisschen schwerer als erwartet: Leben wir doch plötzlich in einer Zeit, in der Stabilität, und wenn es nur eine vorgegaukelte ist, auch ein Trost sein kann.

Auch wenn Helga manchmal wirklich sehr nerven konnte.