Groß, schlank, mit hellgrünen Augen und langem, dunklem Haar sieht Elifer schmachtend ihren Ömer an. Auch er könnte über den Laufsteg der Fashion Week in Mailand schnüren. Jede Gefühlsregung der beiden wird mit opulenter musikalischer Untermalung in Nahaufnahme zelebriert. Minutenlang. Die Tränen kullern - eigenartigerweise oft nur aus einem Auge. Der Blick sucht verschämt blinzelnd den Boden ab. Dann wird er giftig im Temperamentsausbruch. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen. Aber nichts darf passieren. Zu groß sind die gesellschaftlichen Unterschiede, zu groß der Rachedurst mancher Familienangehöriger, zu groß der Berg an Intrigen. Doch Elifer und Ömer wagen einen Kuss. Sogar Sex wird angedeutet.

Was hierzulande ständig am Bildschirm zu sehen ist, ist in der Türkei nicht selbstverständlich: Je nach Zielgruppe werden gesellschaftliche Normen widergespiegelt, sodass es in vielen Serien zwischen Liebenden vor der Ehe nur einen Kuss auf die Stirn gibt. Und aus. Alkoholische Getränke, sofern sie überhaupt gezeigt sind, sind so stark verpixelt wie das Blut der dahingemetzelten Racheopfer. Die türkische Fahne weht oft im Hintergrund, manchmal nur als Spiegelbild in einem hochglänzenden Luxusauto, dann wieder im Vordergrund bei einer Kamerafahrt, die genüsslich über den Bosporus schwenkt. Die Fernsehsender möchten ja schließlich niemanden verärgern. Schon gar nicht die türkische Aufsichtsbehörde.

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Die Sache mit den beiden Turteltäubchen ist die: Die schöne Elifer stammt aus sehr reichem Haus und genau aus jener Familie, gegen die der ärmliche, aber, versteht sich von selbst, ebenfalls schöne Polizist Ömer während seiner Ermittlungen, natürlich nur mit gesetzestreuen Mitteln, kämpft. Nun haben die beiden etliche Auseinandersetzungen - gegen Familienbande, Mafia, und auch gegeneinander - auszustehen, bis sie geläutert - Achtung Spoiler! - zueinanderfinden. In dieser Serie. Denn das kann auch schon viel dramatischer enden, indem einer der beiden stirbt oder - der absolute Dramahöhepunkt - von seiner Liebenden unabsichtlich getötet wird. Welch herzzerreißende Finali es doch gibt.

Einschaltquoten in Millionenhöhe

Und sie sind beliebt: Allein 2,4 Millionen Zuseher verfolgten die TV-Serie "Black Money Love" ("Kara Para Aşk") mit den türkischen Schauspielstars Tuba Büyüküstün und Engin Akyürek des Privatsenders ATV auf YouTube. Die Live-Einschaltquoten stiegen ebenfalls in Millionenhöhe. Doch weshalb sind diese Serien gar so beliebt? Vielleicht liegt es an dem einfachen Prinzip, das sie alle verfolgen: Es geht um "Romeo und Julia" auf Türkisch, um die Reichen, Superreichen und die Schönen. So sitzen zum Hauptabendprogramm Millionen zuhause und schauen an, wie sie niemals leben und lieben werden.

Und dafür braucht es Zeit, viel Zeit. Eine Unterhaltung über den türkischen Tee kann sich dann schon einmal über ein paar Filmminuten hinziehen. Denn je nach der Anzahl der Lieblingsserien sitzt man ein bis mehrmals pro Woche vor dem Fernseher: Zuerst gibt es eine circa einstündige Wiederholung der Geschehnisse von letzter Woche, dann geht es mit der neuen Folge los. Auch mindestens zwei Stunden lang, manchmal fast drei - aber ohne Werbung. In besagtem Fall sind es insgesamt 54 Wochen.

Trailer werden von Fans einfach erfunden

Von aktuellen Serien wie "Ramo" (eine Mafia-Liebesgeschichte) oder die äußerst beliebte "Sefirin Kizi" ("Die Tochter des Botschafters" als eine Liebesgeschichte mit brisanten Themen wie Vergewaltigung und Ehre) findet man auf YouTube schon Ausschnitte während der Übertragung im TV. Die wöchentliche Originalfolge kann man sich kurz nach Sendungsende bereits ansehen. Die "besten Szenen" werden online noch auf unzähligen Channels und von Fans mit Musik wenig professionell aufbereitet und zusammengeschnitten, Trailer für die nächste Folge einfach mit Bildern der vergangenen Sendungen erfunden. Die Folge ist mit äußerst mediokren englischen Untertiteln 24 Stunden später online.

Über Jahre bereits hält der Boom an, den sich nun auch der Streamingdienst Netflix zu eigen gemacht hat. "Black Money Love" etwa, ist mit 164 Folgen von je zirka 45 Minuten für internationale Sehergewohnheiten passender dosiert. Für 2021 hat Netflix bereits drei neue türkische Original-Serien angekündigt sowie ein Projekt ohne Drehbuch, einen Film und eine dritte und letzte Staffel für die bereits laufende Mystery-Serie "Atiye: Die Gabe".

Die Zahlen lassen staunen. In den vergangenen zehn Jahren ist die lokale Produktion geradezu explodiert: Rund 100 Diziler (Serien auf Türkisch) werden jährlich in der Türkei abgedreht. Hauptsächlich sind es Telenovelas. Rund 500 TV-Sender kommen auf 80 Millionen Einwohner, die zwischen 60 bis 65 parallel laufenden Serien wählen können. In rund 146 Länder wird exportiert: hauptsächlich nach Lateinamerika, in den Nahen Osten, den Balkan, aber auch nach Spanien (wo zeitgleich auch schon einmal 20 türkische Serien gezeigt werden), nach Italien, nach Afrika und sogar in die USA. Die TV-Serien zählen zu einem der lukrativsten Exportgüter. Die Türkei erreicht mit rund 150 Diziler weltweit an die 700 Millionen Zuschauer. Laut Nachrichtenagentur Anadolu beliefen sich die Einnahmen aus dem Export 2018 auf 500 Millionen Dollar, bis 2023 soll es eine Milliarde werden.

Hohe Produktivität mit kurzen Verträgen

Diese ehrgeizigen Ziele haben eine hohe Produktivität zur Folge: Die TV-Sender wie etwa TRT arbeiten mit externen Produktionsfirmen. Geplant werden jeweils maximal acht Folgen, um die Serie jederzeit wieder kostengünstig absetzen zu können, sollten die Einschaltquoten nicht passen. Dann kommt es auch einmal vor, dass bereits die sechste Folge mit einem Cliffhanger das Ende der Geschichte bedeutet, wie in dem Rachedrama "Azize". Oder es wird in der 21. und letzten Folge versucht, alle offenen Handlungsstränge zusammenzuführen, wie im Ehre-Rache-Liebesdrama "Kuzgun". Das kann natürlich nicht funktionieren, Ärgernis für die Fans hin oder her - die Einschaltquoten sind das Wichtigste. Vielleicht sogar für die manchmal unberechenbare Regulierungsbehörde RTÜK, die den späteren erfolgreichsten Serienhit "Muhtesem Yüzyil" ("Das prächtige Jahrhundert", 2011-2014) trotz Beschwerden im Vorfeld nicht stoppte: Im Inland hagelte es bereits vor Ausstrahlung der ersten Folge über den osmanischen Sultan Süleyman den Prächtigen Kritik von Behörden und Regierung: Zu leicht bekleidet seien die Haremsdamen, ihr Tanz gleiche einem amerikanischen Striptease und Süleymann würde Alkohol trinken! Was Süleyman, nebenbei bemerkt, wahrscheinlich wirklich getan hat. Der Sultan regierte im 16. Jahrhundert mehr als 40 Jahre lang. In der Türkei gilt er bis heute als weiser Saubermann.

Den Zusehern im In- und Ausland gefiel es dennoch oder gerade deshalb: Der bisher erfolgreichste Serienexport wurde in 70 Länder verkauft und erreicht mehr als 500 Millionen Zusehern. Von "traditionellen Familienwerten", auf die die RTÜK achtet, ist hier nicht viel zu sehen. Immerhin waren die Haremsdamen ausschließlich nicht-türkische Sklavinnen. Und auch hier gibt die Liebe einer Frau, nämlich jener der rothaarigen ukrainischen Haremsdame Roxelane, dem Helden die Kraft, ein ganzes Reich zu führen. Traditionelle Familienwerte? Definitiv sind sie hier ebenso zu finden, wie bei Elifer und Ömer, die letztlich einem gemeinsamen Familienleben fern von Intrigen den Vorzug geben.