Wien. Es ist eine verkehrte Welt, die sich derzeit in den Quoten des deutschsprachigen Fernsehens niederschlägt. In Deutschland war das als alt und langweilig geltende ZDF am Donnerstag überragender Marktführer mit über 15 Prozent, dahinter die ARD mit 12,3. RTL, immerhin jahrelang Marktführer, musste sich mit vergleichsweise schmachvollen 6,8 Prozent zufriedengeben.

Auch in Österreich ist die Sache ähnlich. Seit der Corona-Krise hat vor allem ORF2 lichte Höhenflüge. Der Sender steigerte seinen März-Marktanteil gegenüber dem Vorjahresmonat um 6,5 Prozentpunkte auf 26,2 Prozent (Gesamtzielgruppe ab 12 Jahren). ORF1 verlor dagegen gegenüber dem Vorjahr 3,5 Prozentpunkte und lag im März bei 7,1 Prozent. Alle ORF-Sender gemeinsam kamen auf 36,2 Prozent Marktanteil, ein Plus von drei Prozentpunkten. Tragkraft dieses Hochs ist vor allem die Information. Der 15. März, jener Sonntag, an dem die Regierung die Ausgangsbeschränkungen verkündete, war mit 5,1 Millionen Zusehern (weitester Seherkreis) der reichweitenstärkste ORF2-Fernsehtag seit Beginn des Teletests 1991. Die auf allen vier ORF-Fernsehsendern durchgeschaltete "ZiB" an diesem Tag kam auf 2,86 Millionen Zuschauer und 67 Prozent Marktanteil.

Auch die Privatsender vermeldeten großteils Zuwächse. Servus TV erzielte ein deutliches Plus und kam auf 3,3 Prozent (März 2019: 2,6 Prozent). ATV hatte 2,9 Prozent Marktanteil (März 2019: 3,3 Prozent), Puls 3,5 Prozent (März 2019: 3,2 Prozent). In der Zielgruppe der 12- bis 49-Jährigen kam Puls4 auf 5,1 Prozent Marktanteil, der stärkste März seit Senderbestehen.

Auf Bewährtes setzen

Die Zahlen zeigen: Die aktuelle Krise führt zu einem unerwarteten Comeback des linearen Fernsehens und hier vor allem der öffentlich-rechtlichen Angebote. Dass man bei wichtigen Nachrichten gerne zum ORF greift, ist nicht neu, aber auch abseits der Nachrichten kann das lineare Fernsehen derzeit reüssieren. Das liegt vor allem daran, dass die Krise die Netzwerkkapazitäten zu machen Zeiten überstrapaziert. So mussten die Anbieter von Streaming-TV herbe Abstriche bei der Qualität machen. Die Streams werden aufgrund der hohen Nachfrage der zu Hause eingeschlossenen Kunden um bis zu 40 Prozent reduziert. Das führt dazu, dass die Qualität von Netflix vor allem auf großen Schirmen plötzlich doch erheblich schwächer ist. Auch bei den On-Demand-Angeboten von Sky zeigen sich Ausfälle. Es ist keine Seltenheit, dass man Sendungen mehrfach starten muss, weil der Stream abreißt. Das gilt auch für den neu gestarteten Streamingdienst von Disney. Hier starten die ausgewählten Sendungen teils nur nach mehrmaligen Versuchen, laufen dann jedoch stabil und sind auch qualitativ in Ordnung.

Klar, dass da viele lieber auf Sat-Empfang in stabilem HD zurückgreifen. Das zeigt sich in den Quoten. So war die finale Folge der beliebten Vox-Koch-Serie von "Kitchen Impossible" am Sonntag mit mehr als 15 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe die stärkste Sendung aller Zeiten-. Auch der "Tatort" läuft gut. Es scheint so, als ob sich die Zuseher ihrer Lieblingssendungen besinnen und vermehrt zum linearen Produkt greifen. Ob dieser Trend anhält, ist freilich fraglich.