Die Corona-Krise hat die Welt für immer verändert, und das quasi über Nacht. Auch das Bild der Welt, das uns über die Medien ins Haus geliefert wird, ist davon betroffen. Noch nie gab es in der Geschichte der Medien eine derartig komplexe Herausforderung zu schultern wie in dieser Krise. Normalerweise läuft die Berichterstattung über Krisen in durchaus eingefahrenen und professionell gespurten Bahnen - das ist spätestens seit 9/11 so, als die Live-Berichterstattung zu wahrer Höchstleistung auflief und den Fall der Twin Towers in Echtzeit um die Welt schickte. 9/11 hat Nachrichten und Medien professionalisiert, vor allem die audiovisuellen. Die fordernde Zeit der vielen Terroranschläge in den Nullerjahren und bis zuletzt haben die Medien beinahe schon als Show inszeniert, mit perfekt gestalteten Bildern, großen Karten und Grafiken, Animationen, endlosen Experten, rund um den Globus verteilt und stets in wenigen Minuten in Studioqualität sendend.

Aber was passiert, wenn das gesamte System der TV-Berichterstattung durch ein Virus wie Corona aus der Bahn geworfen wird? Was, wenn herkömmliche TV-Standards nicht mehr umgesetzt werden können, weil Quarantäne-Maßnahmen und Ausgangsbeschränkungen sie schlicht vereiteln? Ein normales News-Team, bestehend aus Redakteur, Kameramann und Toningenieur ist derzeit fast unmöglich geworden - allein schon wegen des notwendigen Mindestabstands.

Wo es dennoch klappt, sieht man meterlange Tonangeln, maximale Distanz zu den Interviewten, vermummte Kameraleute, geradezu in Deckung gehende Interviewer. Der ORF setzt seine Studiogäste nicht mehr ins Studio, sondern ein paar Räume weiter, die Redakteure des aktuellen Dienstes sind in Selbstquarantäne, damit sie "normal" weitermoderieren können. Sonst müssten sie vermutlich mit Handschuhen und Gesichtsmasken vor die Kamera treten.

Die Ästhetik des Fernsehens hat sich über Nacht verändert, das meist schlecht aufgelöste Skype-Bild ist inzwischen Standard und ermöglicht bei den Korrespondenten und anderen Interviewten einen Blick ins Private; das neue Biedermeier, ein Begriff, der schon nach 9/11 und während der Terrorpanik aufkam, konnte das freiwillige Einschließen der Menschen in unsicheren Zeiten gut umreißen. Diesmal ist das Zuhausebleiben allerdings nicht freiwillig.

Zu Hause bleiben

"Bleiben Sie daheim": Seit diese Message sogar über das Netz jedes Mobilfunkbetreibers auf das Handydisplay gesendet wird, ist das neue Biedermeier Realität und die TV-Übertragung daraus schafft eine unheimliche Heimeligkeit, weil einem dabei erst so richtig bewusst wird, dass anderswo (und überall) die Menschen genauso vom Lockdown betroffen sind wie man selbst. Die Welt ist wegen dieser von der Globalisierung verursachten Krise noch kleiner geworden und noch näher zusammengerückt, halt über den Bildschirm des Smartphones. Und: Jeder kann jetzt Fernsehen machen. Alle Webcams und Handys filmen und funken in HD, wenn es das Netz zulässt. Es wird schwierig werden, nach der Krise die Entsendung teurer TV-Teams zu Unglücksorten oder Korrespondenten zu rechtfertigen; um wie viel billiger wird diese neue, schöne Skype-News-Welt sein? Wie viel Budget kann dadurch eingespart werden?

Der ORF-Redakteur Ed Moschitz bewegte sich mit seiner Reportage "Am Schauplatz: Ausnahmezustand in Ischgl" (derzeit in der ORF-TVThek abrufbar) am Schnittpunkt zwischen klassischer und improvisierter TV-Reportage. Ein Novum für den Redakteur, der gut 40 Prozent mit Handy-Kameras und Skype-Interviews umsetzen musste, nachdem seine ursprüngliche Reportage über die Tourismusgelddruckmaschine Ischgl, die er im Jänner begonnen hatte, nicht mehr so vollendbar war wie geplant. Corona hat sein Konzept über den Haufen geworfen. Zum Glück gibt es das Internet und die Webcams. Als wären die modernen Kommunikationsmedien genau für diesen einen Zweck erfunden worden: für die Corona-Krise.

Die Stunde von Skype

Eine umfassende Information wäre ohne all die Webcams und Skype-Sitzungen, ohne die Laptops mit Kamera und die Handys im Selfie-Modus nicht möglich. Noch vor zehn Jahren wäre eine derartige Berichterstattung, die uns einen Blick in die Wohnzimmer sämtlicher Experten, Politiker oder Betroffenen ermöglicht, völlig undenkbar gewesen. Da hätte man das so nicht machen können. Die Glasfaser-Revolution hat begonnen - die Zukunft des Fernsehens liegt zudem zunehmend im Self-Broadcasting, wie wir von Instagram wissen. Jetzt müssen nur die Netze durchhalten.