In letzter Zeit häuften sie sich, die Fotos auf Facebook oder Instagram, die einen Mann mit auffälliger, blondierter Vokuhilafrisur, der sich an einen Tiger schmiegt, zeigen. Ein faszinierender Anblick, nicht nur, weil sich mancher als Friseursperre-Opfer in ein paar Wochen in ihm wieder erkennt. Man fühlt sich ein bisschen erinnert an die Tigerzauberer Siegfried und Roy – aber die Trailerpark-Version.

Und so weit gefehlt ist das auch gar nicht. Der Mann heißt Joe Exotic, Exzentrik ist bei ihm ein Hilfsausdruck und er ist eine der Hauptfiguren der Netflixserie "Tiger King", auf deutsch "Großkatzen und ihre Raubtiere". Das ist eine Doku-Serie, auch wenn man das an sehr vielen Stellen nicht so wirklich glauben mag. Denn so einiges fällt hier in die Kategorie: Wenn man das erfinden würde, glaubt das eh keiner. Oder, um es neudeutsch zu sagen: An WTF-Momenten mangelt es nicht.

 

Ein Elefant im Vorgarten

Die siebenteilige Serie dreht sich um private Großkatzenzüchter in den USA. Dort kann es einem nämlich schon einmal passieren, dass der Nachbar, wenn er von seiner Muschi spricht, keine schnurrende Hauskatze meint, sondern einen ausgewachsenen Tiger. Joe Exotic, mit bürgerlichem Namen Joe Schreibvogel, ist einer dieser Züchter, aber auch David Antle. Der hat zwar keine so bizarre Frisur, dafür aber sehr viele Frauen und er sorgt für eins der schönsten absurden Bilder der Serie, als er auf einem Elefanten durch seinen Vorgarten reitet.

Die Antagonistin von Joe Exotic ist aber Carole Baskin, sie betreibt als Tierschützerin die "Big Cat Rescue" Anlaufstelle für notleidende Raubtier-Samtpfoten. Sie hat keine Kleidung und keine Wohndekorstück, das nicht das Fellmuster einer Wildkatze trägt. Besonders im Visier hat sie Joe Exotics Zoo in Oklahoma, der zugegeben von artgerechter Tierhaltung so weit entfernt ist wie ein Löwenmännchen von einer pink gefärbten Mähne. Bei über 200 Großkatzen, deren einziger Sinn ist, Babys zu gebären, die dann als süßes Fotomotiv zu Geld zu machen sind, ist das auch kein Wunder.

Carole Baskins Mann allerdings ist spurlos verschwunden und Joe Exotic meint zu wissen, wohin. In die ewigen Großwildjagdgründe nämlich, dorthin, so ist er sich sicher, hat Baskin ihren Gatten befördert. Gut, dass er eine eigene Internetshow hat, in der er nicht nur seine selbst aufgenommenen Weichzeichner-Countrymusik-Videos veröffentlicht, sondern auch in haarsträubend geschmacklosen Clips immer wieder seine Mordtheorie kundtut.

Dazwischen kommen Episoden, in denen mal eben einer Zoowärterin ein Arm abgebissen wird – es gibt auch einen Mitarbeiter, der zwei Beinprothesen hat, die aber wider jedes Erwarten nicht der Begegnung mit scharfen Zähnen geschuldet sind.

 

True Crime im abgeranzten Animal Print

Die Geschichte schlägt so seltsame, unvorhersehbare Haken, wie ein Tiger im Gehege erratische Runden dreht. Nicht zuletzt jene Wendung, mit der die Serie überhaupt schon beginnt: Joe Exotic sitzt nämlich im Gefängnis, des Auftragsmordes an Carole Baskin beschuldigt.

True-Crime-Serien gehören zu den beliebten Genres, nicht nur auf Netflix, aber der Streaming-Dienst feierte einen seiner ersten ganz großen Erfolge mit "Making A Murderer", einer wahren Geschichte über einen vielleicht doch nicht schuldigen Mörder. Dass "Tiger King" nun so triumphiert - in Österreich nach wie vor in den Top 3 der meistgesehenen Sendungen auf Netflix -, liegt wohl zu einem Großteil daran, dass die Serie die üblichen Elemente des Genres von "unschuldig beschuldigt" bis "Sex & Crime" nimmt, herzhaft pervertiert und als Extrahingucker die verschiedenen Formen von fehlgeleiteter Tierliebe wie einen Mantel aus abgeranztem Animalprint drüberlegt.

Jedenfalls, und das ist tatsächlich ein Novum, wurde am Dienstag angekündigt, dass es bald eine Bonusfolge geben wird – in der soll sich Joe Exotic aus dem Gefängnis melden.

Ob der Hype auch so groß wäre, wenn nicht der Corona-Lockdown gerade die absurden Fundstücke im TV- und Streamingprogramm besonders begünstigen würde, ist fraglich. Aber jetzt haben die Menschen natürlich besonders viel Zeit, sich lustige Internetscherze und Memes über einen schlecht frisierten Häftling auszudenken.