In der immer nie zur Ruhe kommenden Unterhaltungsindustrie wäre ein Hinweis wie "Dieses Video lässt dich sofort einschlafen!" natürlich verboten. Und gerade auch für das nach Aufmerksamkeit heischende Milieu der Make-up-, Maniküre- und "Humor"-Influencer nimmt er sich reichlich seltsam aus. Passenderweise ist der vor allem via YouTube vorgeturnte ASMR-Trend der letzten Jahre aber nicht nur in seiner Zuordenbarkeit etwas schwammig geraten - auch wenn wir uns hier grundsätzlich im Umfeld des Entspannungs- und Druckablassgewerbes befinden, für das in Aussicht gestelltes Abschalten per Mausklick also nicht schadet.

Einatmen, ausatmen. Los-lass-en: Gerade in Zeiten des in der Corona-Krise womöglich brachliegenden Nervengerüsts, das Heimisolierte ins Internetz outgesourcte Privat-Yogis via Webcam konsultieren lässt, während Online-Meditation generell in bis dato unerforschte Sphären der spirituellen Kraftreserve auch hinsichtlich der Kundenakquirierung vorstößt, kann man von der ASMR-Community so einiges lernen. Bei ihr regiert als striktes Netzphänomen schon immer das Motto "Online first": "Wenn man rechtzeitig d’rauf schaut, daß man’s hat, wenn man’s braucht" - frei nach einer guten alten Bausparer-Werbung hat die Bewegung hier also solide krisensichere Vorarbeit geleistet.

Grazile Finger

"Hi, it’s me." Eine junge Frau flüstert uns vor ihrem Laptop sitzend mit einem freundlichen Lächeln ein paar Worte ins Ohr, während wir selbst nach einem ermüdenden Homeoffice-Tag, einer Runde Telebanking, E-Mails an den Stromanbieter und die Hausverwaltung, einem Video-Chat mit der Verwandtschaft und dem Skype-Stammtisch den faulen Willi geben - und schon etwas ermattet und in Kommunikationsagenden entsprechend passiv zurück in den Bildschirm starren.

Wichtig ist aber nicht nur das Wispern. Auch auditive Nebenprodukte wie vor allem die gegen den Gaumen gedrückte Zunge etwa bei Worten mit "d" sind so zentral wie dank des zur Aufnahme verwendeten High-End-Equipments auch wirkungsmächtig. Eigens inszenierte Mundhöhlensounds ("Galuk-galuk! Du-duk-du-duk!") zu erratischen Handbewegungen runden allerdings nur die Aufwärmübung ab, bevor es endlich zur Sache geht: Die der sogenannten Autonomous Sensory Meridian Response zugrunde liegende Hauptintention, mit in erster Linie akustischen Sinnesreizen ein relaxierendes Kribbeln vom Kopf abwärts auszulösen, wird unter Zuhilfenahme diverser Gegenstände in die Tat umgesetzt.

Kurz gesagt, zu gefühlten 99 Prozent sieht man jungen Frauen dabei zu, wie sie mit grazilen Fingerspitzen und frisch gemachten French Nails zart auf vornehmlich Plastikgegenstände tippen, flauschige Vorleger bürsten oder mit Gummihandschuhen und nicht zuletzt Pinseln über das Mikrofon streicheln. Letzteres erinnert uns daran, dass der beliebte Wasserfall-Maler Bob Ross aus dem nächtlichen Bildungsfernsehen ("The Joy of Painting") retrospektiv als früher Vorreiter der ASMR-Technik angesehen werden muss.

Soziale Körperpflege

Der bereits skurrile Einschlag des Hauptmetiers wird mit Rollenspielen, von der Community strikt abgelehnten erotischen Adaptionen und nicht zuletzt einer Art Fress-ASMR mitunter aber endgültig ins Bizarre gedeutet. Das Verschlingen von Lachs-Sashimi mit Schmatzgeräuschen, das Rütteln an Brown-Paper-Bags von Fast-Food-Anbietern und das Zermalmen von Chicken Wings im Close-up nistet ohnehin im Grenzbereich zur Satire.


Vom Nischenprogramm wie ASMR-Literaturkritik ("I’ve actually read some of this book ... It’s very ... ahm ... interesting") einmal ganz abgesehen. Auch Bücher kommen in den Videos hauptsächlich deshalb vor, weil man Ledereinbände betasten kann oder Hochglanzseiten beim Umblättern die Ohren massieren. Wissenschaftlich ergründet ist das Phänomen ASMR natürlich nicht. Professor David Huron von der Ohio State University verweist diesbezüglich aber immerhin auf das Grooming, mit dem Primaten soziale Körperpflege betreiben, Stichwort Entlausung und Fellpflege.

Haarpflege für Masochisten

Manchmal wird es dem Entspannungssuchenden übrigens auch im ASMR-Bereich nicht ganz einfach gemacht: Nicht nur laut eingespielte Werbespots vor dem Start und - auch YouTuberinnen müssen Geld verdienen! - Produktplatzierungen während der Videos oder der aufschrillende Alarm der Akku-Anzeige sind als Gefahrenquellen zu nennen. Allfälligen Feministen (seien wir ehrlich, diese Videos werden vor allem von Männern konsumiert) dürfte auch das Geimpfte aufgehen, wenn etwa die gut im Geschäft stehende Flüstervideogesandte Pelagea ASMR vor 981.000 Abonnenten im auf das Gewerbe der nicht zwangsläufig soften Erotik verweisenden Dienstmädchenoutfit auftritt und im Hintergrund ein "Welcome Home Master"-Schild die Kulisse ziert. "Muße ohne geistige Ausfüllung ist Tod und lebender Menschen Grab." Arthur Schopenhauer hat recht, man müsste ihn nur lesen, anstatt ihm auf den Buchdeckel zu klopfen.

In Zeiten des Social Distancing erlebt in der ansonsten auf Kurzlebigkeit basierenden Kategorie des Netztrends derzeit also ein Phänomen ein Revival, dessen Intimität grundsätzlich auf der Bewahrung von räumlichem Abstand basiert. Wobei man eher masochistisch eingestellt sein muss, um sich in der aktuellen Situation etwa bei Tingting ASMR einen virtuellen Friseurbesuch zu genehmigen.

Unterschiedliche Erfolge gab es zuletzt übrigens für Videos mit direktem Corona-Bezug: ASMR Darling erforschte mit ihrem gespielten medizinischen Covid-19-Test den Rand eines Shitstorms. Die an einer erregerförmig geschnitzten Wassermelone knabbernde "ASMR"-Schildkröte fanden Internet-User hingegen herzallerliebst.