Herausfordernde Zeiten verlangen nach kreativen, neuen Lösungen. Die weltweite Virenkrise zeigt deutlich, dass es gerade im Bereich der Digitalisierung und der "Grundversorgung" mit wichtigen Technologien einiges Verbesserungspotenzial gibt. Was im Kleinen für das Vorhandensein halbwegs moderner Laptops für die Kinder oder einem stabilen, schnellen Internetzugang beginnen kann, bedeutet im Großen eine Infrastruktur und Anwendungen, die den Staat und auch die Bürger gerade in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und der sozialen Distanz weiter am Laufen halten und unterstützen. Am besten nicht nur national, sondern möglichst international.

Wenn man über die Wiederansiedelung der Medikamentenproduktion nach Europa nachdenkt, dann sollte man auch ein paar Gedanken an die europäische Software- und IT-Infrastruktur-Versorgung lenken. Es könnte sein, dass sich hier doch noch eine große Chance für quelloffene Systeme mit einheitlichen Standards, transparenten Datenschutzregelungen und kostengünstigen Zugängen eröffnet. Ein Blick auf die letzten Tage zeigt, dass die Überlegungen durchaus in diese Richtung gehen können.

Offene Quellcodes

So wurde kürzlich der Quellcode der Applikation der "Stopp Corona"-App vom Verein NOVID20 öffentlich zugänglich gemacht. Dieser ist ab sofort auf "Github" abrufbar. "Die Veröffentlichung als Open Source ist ein essenzielles Mittel, um sicherzustellen, dass die App auch tut, was sie verspricht", so Andreas Petersson vom beteiligten Unternehmen Capacity Blockchain Solutions. Für ihn ist Datensouveränität ein essenzielles Recht von Menschen, auch in Zeiten von Corona seien User nicht gewillt, die Kontrolle über Ihre Daten aufzugeben. Klingt gut und könnte in anderen Bereichen als gutes Beispiel gesehen werden. So zeigt sich, dass nach dem Datenskandal bei der Videokonferenz-App "Zoom" eine offene und sichere Lösung große Vorteile bringt. Und auch frei verfügbare Betriebssysteme könnten, sofern noch mehr Laptops und Computer für Schüler jedes Alters im Homeoffice benötigt würden, Kosteneinsparungen bringen.

Aber zunächst ein Blick zurück: 2008 wurde dem Wiener Linux-Projekt "Wienux" der Todesstoß versetzt, der Plan, die Rechner der Stadt von proprietärer Software auf Linux und Open Office umzustellen, wurde eingestellt und die PCs wurden auf Windows Vista zurückmigriert. Fast zeitgleich vermeldete die Stadt München, dass sie bis Ende des Jahres (2008) auf 80 Prozent ihrer PCs Linux installiert haben werde und das Projekt "LiMux" erfolgreich fortgesetzt werde - auch dies blieb übrigens nur ein Plan. Die beiden Städte waren zur damaligen Zeit die großen Vorzeigeprojekte für den Einsatz von Open Source in der Verwaltung. Seither ist es ziemlich ruhig geworden, trotz einiger Bemühungen und immer wiederkehrender Probleme. Sei es der Datentransfer außerhalb Europas, Datenschutzthemen, Spionagevorwürfe, Standardisierungsfragen oder Interoperabilitätsprobleme. Weder kam ein Linux-Handy - es gibt derzeit aktuell gerade einen neuen Anlauf mit dem Pinephone und Librem - noch eine gesamteuropäische Idee zu einem entsprechenden Softwareprojekt, das weniger große Abhängigkeit von den USA, Indien oder China bedeuten würde: allen Warnungen und Beschwerden über zu wenig ITK-Fachkräfte zum Trotz.

Doch die Zeit scheint reif für einen Kurswechsel. Eine gesamteuropäische Strategie mit einheitlichen Standards und Vorgaben würde durch freie Software im Bereich der Forschung, etwa im Pharmabereich, der Künstlichen Intelligenz und auch der öffentlichen Verwaltung einen Sprung erfahren. Mehr Einblick und Überblick, Datenschutz und Transparenz und ein Ökosystem herum, dass Arbeitsplätze sichert und schafft - es wäre es wert.