Eigentlich hätte in der Rotterdamer Konzerthalle "Ahoy Arena" in gut vier Wochen der Eurovision Song Contest stattfinden sollen. Ein traditionsreiches Live-Event mit (konservativ geschätzten) 20.000 Menschen auf engstem Raum. Nun wird es in der Arena auch knapp. Denn seit wenigen Tagen ist in der Konzerthalle wegen der Corona-Pandemie ein Not-Krankenhaus untergebracht. Jederzeit ausbaubare 100 Krankenhaus-Betten stehen für jene Patienten bereit, die lediglich Sauerstoff benötigen und keine Intensivmedizin.

Immer gut festhalten, die Mauer! Sängerin Simone, beim 35. Eurovision Song Contest 1990 in Zagreb mit dem nur aus der Zeit verständlichen Titel "Keine Mauern mehr". Es wurde Platz 10. 2020 darf sie in der Jury ätzen. - © orf
Immer gut festhalten, die Mauer! Sängerin Simone, beim 35. Eurovision Song Contest 1990 in Zagreb mit dem nur aus der Zeit verständlichen Titel "Keine Mauern mehr". Es wurde Platz 10. 2020 darf sie in der Jury ätzen. - © orf

Dies ist das vermutlich krasseste Beispiel, wie sehr die vergangenen Wochen unsere Prioritäten verschoben haben. Statt einer fröhlichen Feier werden nun Menschen von einer heimtückischen Krankheit geheilt, die mitunter zum Tod führen kann. Die Absage des Gesangswettbewerbs war alternativlos. Jeder, der das Gedränge vor und hinter der Bühne des ESC schon einmal miterlebt hat, weiß, dass das in einer Katastrophe geendet hätte. Und den Bewerb als "Geisterspiel" ohne Publikum stattfinden zu lassen, wäre einfach schade gewesen.

Die ersatzlose Absage der Show durch die European Broadcasting Union (EBU) war jedoch ein wenig voreilig. Denn sehr rasch fanden sich etliche Fernsehmacher, die die Show doch oder anders oder gar als eigene Produktion spielen wollen. Der ORF war dabei schon sehr früh dran. Schon seit Dienstagabend läuft Moderator Andi Knolls "kleiner Song Contest". In drei Runden werden die 41 Interpreten und ihre Songs präsentiert, die eigentlich hätten antreten sollen. Eine Fachjury gibt ihre Wertung ab, und auch das TV-Publikum darf voten. Erstmals auch für den österreichischen Beitrag. "Ich bin gespannt, ob wir gewinnen", meinte Knoll bei der Premiere dann doch etwas skeptisch.

Juroren, die es wissen müssen

Die Jury besteht aus zehn ehemaligen ESC-Teilnehmern aus Österreich. Bei einigen muss man ganz schön tief in die Erinnerungskiste greifen, einige zaubern immer noch ein Lächeln aufs Gesicht. Mit dabei sind Waterloo, Simone, Petra Frey, Manuel Ortega, Alf Poier, Eric Papilaya, Nadine Beiler, Conchita Wurst, Zoe und Cesar Sampson. Das Design der Show ist "aus dem Homeoffice", wie es heißt. Knoll sitzt am Schreibtisch und moderiert die Titel an. Dass man es sich nicht nehmen hat lassen, bissige Kommentare von angeblich prominenten Personen in den Song hineinzusprechen, ist eine Premiere. Und es ist zugleich ziemlich respektlos, aber gut - es ist der Song Contest. Was soll man machen?

Die erste Tranche gewann übrigens Island mit einem extrem nerdigen Auftritt von Dadi Freyr samt der Gruppe Gagnamagnid. Ein Tipp: Unbedingt das YouTubeVideo des Titels "Think about Things" ansehen!

Wenn die Truppe nicht gewinnt, hat Europa nicht nur seine Bewegungsfreiheit, sondern auch gleich seinen Humor verloren. Auch die ORF-Jury votete die nordischen Nerds am Dienstag auf Platz eins. Die groovige und im gleichen Atemzug parodistische Electro-Nummer des in Berlin lebenden Sängers kam bei den zehn Juroren, die in ihrem jeweiligen Hausarrest für jeden Song zwischen 0 und 12 Punkten vergeben konnten, in der Endabrechnung mit 75 Punkten auf den Spitzenplatz. Vier Punkte dahinter fanden sich Bulgarien und der Fast-Gastgeber Niederlande, der auch das Tournament eröffnet hatte.

Am Donnerstag folgt nun Teil zwei des Homeoffice-ESC, bei dem ein weiteres Drittel der insgesamt 41 Teilnehmerländer mit den offiziellen Videos vorgestellt wird. Als krönender Abschluss ist am Samstag (18. April) die Finalrunde mit dem letzten Drittel der Kandidatenschar angesetzt - wobei hier Österreichs Nicht-Teilnehmer Vincent Bueno mit "Alive" im Rennen ist.

Nachdem die Jury ihren dritten Tagessieger bestimmt hat, sind dann endlich auch die Zuschauer am Wort. Sie können aus den drei Jury-Tagesgewinnern den offiziellen Sieger des "kleinen" ORF-Song-Contests küren. Haben wir schon erwähnt, dass das Island sein muss?

Drei Shows gleichzeitig?

Bei der spanischen ESC-Ersatzshow, die bereits Ende März über die Bühne gegangen ist, gewann übrigens - wie langweilig - der heimische Kandidat Blas Canto mit "Universo".

Vincent Bueno wurde auf der iberischen Halbinsel immerhin auf Platz 13 gewählt. Schweden folgt am 9. und 14. Mai, wenn in zwei Abendshows durch das Voting des Publikums der Sieger gekürt wird.

Am eigentlichen geplanten Finalabend, dem 16. Mai wird es eng, wie es aussieht. Die BBC will hier unter dem Titel "Eurovision: Come Together" und mit der Moderation von Talk-Legende Graham Norton eine Mischung aus Best-of-Performances und heurigen Vertretern zeigen. In Deutschland hat Mastermind Stefan Raab für ProSieben ebenalls für 6. Mai den "Free European Song Contest" konzipiert, dessen Details noch offen sind.

Es ist fraglich, ob die Sendung überhaupt stattfinden wird oder etwa einen Tag vorher. Denn die EBU als eigentliche ESC-Mutter hat beschlossen, sich die Show nicht aus der Hand nehmen zu lassen. Daher hat man in aller Eile eine zweieinhalbstündige Ersatzshow "Europe Shine a Light" konzipiert, die unter anderem alle 41 Teilnehmer zu einem virtuellen Chor sowie mit Teilen ihrer Beiträge vereint. Auf einen Wettbewerb wird - laut Veranstalterangaben, um die Ausfallhaftung der Versicherung nicht zu gefährden - verzichtet.

Ob der ORF und vor allem die deutschen öffentlich-rechtlichenSender diesen ESC-Moment am 16. Mai ebenfalls übertragen werden, ist derzeit noch offen. Aus Sicht der Deutschen wäre es eine gute Gelegenheit, Raab nicht das Feld zu überlassen. Er hatte sein Konzept einer gesundheitskompatiblem Form übrigens zunächst der EBU angeboten, aber dafür fand sich dort keine Mehrheit.•