Was Martin Scorsese kann, das kann Netflix schon lange. Überhaupt, seit der Streaminganbieter die Regie-Legende Scorsese höchstselbst eingekauft hat und dessen jüngsten Film "The Irishman" finanzierte. Denn Netflix schmückt sich gern mit den großen Namen des Weltkinos. Aber man klaut auch gerne bei ebendiesen.

Ein Beispiel ist die deutsche Netflix-Produktion "Betonrausch", die derzeit neu auf dem Portal läuft. Vieles an dieser in Berlin angesiedelten Geschichte über zwei zwielichtige Immobilien-Selfmade-Millionäre erinnert hier nämlich frappant an den US-Film "The Wolf of Wall Street" (2013), in dem Leonardo DiCaprio und Jonah Hill als erfinderische Börsen-Broker zunächst wie Emporkömmlinge dem großen Geld hinterherträumen, bald aber durch fiese und windige Tricks, stets mit einem Bein im Kriminal, zu unermesslichem Reichtum gelangen, wilde Partys feiern und den gegen sie ermittelnden Behörden anscheinend immer einen Schritt voraus sind. Der Film stammt - von Martin Scorsese.

Betongold oder Schrott?

"Betonrausch" also ist im Prinzip dieselbe Geschichte, natürlich eingedeutscht, und von der Börse auf die Immobilienbranche umgemünzt. David Kross hat hier den Part von DiCaprio inne: Als er in der Rolle des Großmauls Viktor Steiner vom Land in die Großstadt Berlin kommt, will er es sich und vor allem seinem Papa beweisen: Unendlich reich werden, und zwar mit großer Hinterlist. Dazu braucht er einen Kompagnon, den findet er in Gerry (Frederick Lau), einem Tunichtgut, der die meiste Zeit in einem Berliner Bordell mit Edel-Prostituierten abhängt, aber die Gabe hat, "alles zu besorgen, was man braucht, und zwar unglaublich billig".

Was ist es also, was Viktor in dieser Phase braucht? Eine Bank, die ihm Kredite verschafft. Das Ziel: Eine Betrugsmasche am Bau. Ein wertloses Zinshaus wird mit einem bösen Schmäh ersteigert, danach sollen drin noble Wohnungen zu überteuerten Preisen verkauft werden. Die Bank, die das alles finanziert, steckt mit den beiden Immobilien-Haien unter einer Decke, ihre Bankbetreuerin Nicole Kleber (Janina Uhse) bald auch wortwörtlich, und zwar mit Viktor. Ein gemeinsames Kind folgt, eine prächtige Stadtvilla auch, davor parken dicke Karossen. Finanziert auf dem Rücken geprellter Wohnungseigentümer, realisiert in durchsoffenen und zugekoksten Nächten auf den Schößen Berliner Nobel-Nutten. Klar, dass sich die berechnende Nicole das Lotterleben nicht lange ansieht und ihren Gatten hochgehen lässt.

Ein großer Spaß

Das führt zum Absturz des Dreamteams Viktor und Gerry, das verdiente Vermögen verpufft wie der Notstandstausender der Bundesregierung. All das inszeniert der deutsch-türkische Regisseur Cüneyt Kaya entlang einer schlichten, dem großen Vorbild Scorsese entlehnten Richtschnur, nur dass Berlin eben nicht New York ist und die Partys im Allgemeinen vergleichsweise recht bieder ausfallen. Trotzdem gelingt Kaya eine sympathische Figurenzeichnung, weil er seinen drei Hauptcharakteren relativ viel Raum gibt in dem an sich mit knapp 90 Minuten eher galoppierenden Handlungsverlauf.

Man muss aber deutlich sagen: Hätte Kaya nicht seine Besetzung bestehend aus Kross, Lau und der famos fiesen Janina Uhse, wäre "Betonrausch" tatsächlich ein eher hanebüchener Verschnitt der "Wolf of Wall Street"-Story. So aber macht der Film zwischen den Zeilen an manchen Stellen auch durchaus wirklich großen Spaß.