Meine Finger sind genau da, wo du deine gerne hättest. Es sind kleine Sätze mit großer Wirkung in Zeiten wie diesen. Wunderbare Blockbuster im Kopfkino, die der Fantasie freien Raum lassen und Ersatz für echten zwischenmenschlichen Kontakt bieten.

Sex und Quarantäne sind nicht leicht unter einen Hut zu bringen. Wer glaubt, dass ein Babyboom ausbrechen wird, sollte sich Ergebnisse einiger Studien durchlesen. So wünschen sich die Einsamen und Unglücklichverliebten nichts sehnlicher als die Nähe und die Berührungen der Weitentfernten, während am anderen Ende des Spektrums Paare mit Kindern und Homeoffice auf 50 Quadratmetern die soziale Distanz für die größte Errungenschaft dieser Krise erachten. Was vor ein paar Wochen noch ganz normal schien, ist nun in weiter Ferne: Küssen im Kino etwa, Datings mit Online-Bekanntschaften im Restaurant, eng umschlungen den Mond anschauen und einfach guten Sex haben, ob in fremden oder den eigenen vier Wänden.

Die Rückkehr der Masturbation

Am Anfang schien es, als würden kostenlose Premiumzugänge zu Pornoseiten für einige eine Lösung bringen. Dating-Plattformen führten die Möglichkeit zu Videochats ein. Dass man Videokonferenztools nicht nur für die Arbeit nutzen kann, wurde ohnehin auch so schnell bekannt. Sexting, also der Austausch erotischer Texte, auch in Form von Sprachnachrichten, erlebt einen Boom und anstatt Fotos vom Strand gibt es mehr Nacktfotos aus dem eigenen Bett. Doch es fehlt etwas: die innigen Küsse, die die Zeit wie im Flug vergehen lassen, Kratz- und Bissspuren am Körper und der Wunsch nach gemeinsamer Zeit.

Das New York City Health Department hat einen offiziellen Ratgeber für sicheren Sex während der Covid-19-Pandemie veröffentlicht. "Alle Einwohner New Yorks sollen zuhause bleiben und den Kontakt mit anderen Personen reduzieren, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen", heißt es, bevor detailliert auf die verschiedenen Wege, über die sich Covid-19 während des Geschlechtsverkehrs verbreitet und wie sich die Menschen am besten schützen können, hingewiesen wird. Während einige explizite Ratschläge zum Highlight auf Twitter wurden, erhielt die PSA viel positiven Zuspruch für ihre informative und umfassende Aufklärungsarbeit.

Doch einer der wichtigsten Inhalte des Ratgebers lautet: "Sie selbst sind ihr sicherster Sexualpartner. Masturbation wird das Virus nicht verbreiten." Viele wussten dies schon vor der Krise. Immerhin hat man Sex mit dem Menschen, dem man am meisten vertraut und der die Bedürfnisse am besten kennt. "Jedem Menschen wird früher oder später zuhause die Decke auf den Kopf fallen, Masturbation kann dabei ein toller Ausweg sein - körperlich wie mental", sagt Polly Rodriguez, Mitgründerin von Unbound, einem Unternehmen für sexuelles Wohlbefinden. "Orgasmen sind effektive Stress-Löser. Zu sehen, dass die Stadt New York City diese Form von Vergnügen nun fördert, ist wundervoll."

Pornoseiten boomen, Dating-Apps zur Kommunikationsplattform und Sex-Toy-Hersteller verzeichnen die Absatzzahlen ihres Lebens, doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Sexarbeiter und Pornofilmdarsteller beiderlei Geschlechts sind derzeit nämlich arbeitslos. Wer in prekären Verhältnissen nicht das große Geld verdient, bleibt derzeit auf der Strecke. Die Anfragen aus dieser Branche bei karitativen Organisationen steigen, berichten diese. Unterstützung von staatlicher Seite gibt es keine, somit bleiben nur Hilfsorganisationen und soziale Einrichtungen. Wenn die Bordelle geschlossen sind, verlagert sich das Geschäft mit käuflichem Sex über Escort-Seiten ins Internet oder in die Illegalität. Auch bei Portalen und Apps für unverbindlichen Sex gibt es weiterhin große Nachfrage. Und bevor man sich hier näherkommt und auf Tuchfühlung geht, wird schon einmal nach einem negativen Corona-Test gefragt.

Das Geschäft mit dem Sex

Auch die Filmindustrie hat Drehpause - und da ist es egal, ob Krimi, Heimatfilm oder Porno. Ausgangssperre heißt auch Dreh-Sperre. US-amerikanische Konzerne haben daher die Stars der Szene mit Webcams ausgestattet und wollen so Pornos aus dem Homeoffice fördern.

Apropos Pornos: Hier liegt der Fokus eindeutig auf männlichen Konsumenten, das Angebot für Frauen ist ziemlich überschaubar, wächst aber ebenso. Umgekehrt ist es hingegen bei Online-Workshops, der Bodypositive-Community und Foren zum Austausch über den eigenen Körper und Selbstbefriedigungstipps, hier sind ungleich mehr Angebote für weibliche Rezipienten zu finden. Männer müssen hier schon sehr genau suchen. Doch selbst, wenn man das richtige Angebot gefunden hat, gibt es immer noch ein paar Hindernisse - etwa den Mangel an Rückzugsräumen.

"Dieses Turbomäßige bei Dates, Sex jenseits von Beziehungen, One-Night-Stands oder einfach mal eine schnelle Nummer am Rande einer Feier und Alkohol, das fällt weg", so die Sexual- und Paartherapeutin Heike Melzer. Auf einschlägigen Seiten werden Themen der aktuellen Gefahrenlage aufgenommen, so erfreue sich "Corona-Sex" mit Schutzkleidung einer neuen Fangemeinde. Das Dating verschiebt sich mehr ins Virtuelle, und so wie auch Videokonferenzen im Geschäftsleben zunehmen, so finden vermehrt Life-Cam-Sessions statt, um Lust zu befriedigen. "Männer fantasieren anders als Frauen", meint etwa der systemische Paartherapeut und Sexualforscher Ulrich Clement. Und hat damit sicher nicht unrecht. Gerade auch beim Sexting oder virtuellem Sex lassen sich die Unterschiede schnell erkennen. Aber wesentlich dabei ist eine offene und respektvolle Kommunikation um die eigenen Wünsche und was es dafür braucht.

Vielleicht auch Sex Toys?

Lange vor den Ratschlägen der New Yorker Gesundheitsbehörden und lange vor Corona waren es Sexpertinnen wie Betty Dodson oder Annie Sprinkle, die Masturbation und Sex Toys großes Augenmerk schenkten. Betty Dodson ist mit ihren 90 Jahren immer noch aktiv und bietet während der Corona-Krise nun auch Online-Workshops an. "Ein echter Orgasmus", sagt Dodson, "ist etwas, das eine Frau für sich nimmt, egal woher es kommt." Und wer die Szene zwischen Dodson und Gwyneth Paltrow aus "The Goop Lab" auf Netflix kennt, der weiß jetzt auch, wie man Schauspielerinnen erröten lassen kann. Auch wenn es doch eigentlich nur um Beckenbodenstraffung geht.

Vielen Menschen wird nun erst bewusst, dass das Thema Sex mit speziellen Bedürfnissen oder im Alter ein wesentliches sein wird. Hier wird auch nach der Krise ein Fokus zu setzen sein. Seinen Körper besser kennenlernen, seine Bedürfnisse zu verstehen und sich genießen zu können, sind wesentliche Punkte. Es ist also zu hoffen, dass die Corona-Krise nicht nur Händewaschen und Abstandhalten beim richtigen Anstellen gebracht hat, sondern einen Schub für fantasievollen und guten Sex in jedem Alter und in jeder Lebenslage.